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Schweriner Jugendhilfe in der Kritik : Teures Chaos im Jugendamt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach Neustrukturierung des Fachdienstes fehlt Überblick über die Finanzen – Stadt muss fast 1,4 Millionen Euro zusätzlich ausgeben

von
erstellt am 01.Feb.2017 | 20:45 Uhr

Unbesetzte Leiterstellen, fehlende Finanzkontrollen im Fachdienst Jugend – für 2016 muss die Stadt fast 1,4 Millionen Euro für Hilfen zur Erziehung mehr ausgeben, als geplant.

„Nach wie vor ist die Gesamtsituation im Bereich Jugendhilfe der Landeshauptstadt Schwerin angespannt“, heißt es in einer Vorlage für die Stadtvertreter. Die Stelle des nach dem Power-for-Kids-Skandal geschassten Fachgruppenleiters für Jugendhilfe ist erst seit dem 12. Dezember wieder besetzt, die Fachdienstleiterstelle ist noch immer vakant. Da schaute wohl keiner so ganz genau auf die Finanzen.

„Für unsere Mitarbeiter stand die Verhinderung von Kindeswohlgefährdungen im Vordergrund“, sagt Sozialdezernent Andreas Ruhl.

Für die Unterbringung von Kindern in stationären Einrichtungen mussten im vergangenen Jahr rund 970 000 Euro mehr ausgegeben werden, als vorgesehen. Und das, obwohl die Fallzahlen im Vergleich zu 2015 annähernd gleich geblieben sind. „Diese Steigerung resultiert vor allem aus Tariferhöhungen“, erklärt Ruhl. Anders als beispielsweise bei den Kita-Kosten werden für die Heimunterbringung keine Kosten pro Fall von der Stadt ausgehandelt. Rechnungen, die oft erst am Jahresende kommen, müssen bezahlt werden. Weil in Schwerin nicht immer genügend Kapazitäten vorhanden sind, müssen Mädchen und Jungen auch außerhalb untergebracht werden. Dort sind die Kosten oft höher.

Steigende Fallzahlen gibt es dagegen bei jungen Müttern, die mit ihren Kindern bis zu deren sechsten Lebensjahr in einer Wohngruppe untergebracht sind. Überplanmäßige Kosten hier: 415 000 Euro.

In Schwerin wird bei den Hilfen zur Erziehung die Hälfte der Familien ambulant betreut. In 50 Prozent der Fälle werden die Kinder in teureren Heimen untergebracht. Im bundesweiten Durchschnitt werden dagegen nur 35 bis 40 Prozent stationär betreut, bekennt Sozialdezernent Ruhl. „Wir arbeiten an einem Konzept, um auch in Schwerin die Heimfallzahlen zu senken.“

Den jetzt aufgelaufenen zusätzlichen Finanzbedarf bezeichnet Linken-Stadtvertreter Gerd Böttger als „ganz schönen Schluck aus der Pulle“. Neu ist die Nachforderung der Stadtverwaltung allerdings nicht. Stadtpräsident Stephan Nolte argwöhnt denn auch, dass in jedem Jahr bewusst knapp kalkuliert werde, um die vom Innenministerium vorgegebenen Haushaltsziele zu erreichen. Und Böttger moniert: „Wir werden jedes Jahr am Nasenring vorgeführt.“

Es sei schwierig, die Fallzahlen bei den Hilfen zur Erziehung zu prognostizieren, sagt dagegen Kämmerer Daniel Riemer. Hinzu komme derzeit ein fehlendes Finanzcontrolling wegen akuten Personalmangels im Jugendamt, so Andreas Ruhl. Deshalb werde intensiv an der Neustrukturierung des Fachdienstes gearbeitet.

Kommentar: "Weitblick" - von Gert Steinhagen
Das Jugendamt kommt nicht aus den Schlagzeilen. Ist es so schwer, in den Bereich Ordnung zu bringen? Es muss doch in Deutschland Kommunen geben, in denen es funktioniert. Ein Blick über den Tellerrand täte der Stadtverwaltung gut. Ohne das Rad neu erfinden zu müssen, könnte so viel Geld gespart werden.

 

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