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Schweriner testete 1989 West-Medizin : "Testreihe hat mein Leben gerettet"

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Die jetzt ans Tageslicht gekommenen Medikamententests westdeutscher Pharma-Unternehmen in der DDR sorgen weiter für Aufregung. Der Schweriner Dialyse-Patient Bert Burmeister hat von ihnen profitiert.

svz.de von
erstellt am 17.Jun.2013 | 06:37 Uhr

Weststadt | Die jetzt ans Tageslicht gekommenen Medikamententests westdeutscher Pharma-Unternehmen in der DDR sorgen weiter für Aufregung. In mehr als 50 Kliniken sollen rund 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben worden sein, 50 000 Menschen teils unwissentlich als Testpersonen gedient haben. Deutsche Gesundheitsminister, darunter auch Manuela Schwesig, fordern eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe und Einsicht in die Patientenakten. Bert Burmeister ist einer dieser Patienten, an denen vor 1990 Präparate westlicher Pharma-Riesen ausprobiert wurden. "Mir haben diese Tests vielleicht das Leben gerettet", sagt der 52-Jährige, der heute in Lankow lebt.

Das Mittel, das an dem Dialyse-Patienten ausprobiert wurde, ist heute bekannt als "Epo". Die Abkürzung steht für Erythropoetin. Es ist ein Glykoprotein-Hormon, das für die Bildung roter Blutkörperchen von Bedeutung ist. Biotechnologisch hergestelltes Erythropoetin wird heute vor allem bei Dialyse- oder Krebspatienten eingesetzt, die unter Blutarmut leiden. Als Dopingmittel im Profisport ist es vor einigen Jahren in die Negativ-Schlagzeilen geraten.

An den Tag seiner ersten Dialyse erinnert sich Bert Burmeister noch ganz genau. Es war der 1. Mai 1985, ein Sonnabend, Burmeister war gerade 24 Jahre alt. Bei seiner Musterung gut sieben Jahre zuvor waren die schlechten Werte erstmals aufgefallen, Beschwerden habe der 17-Jährige allerdings keine gehabt. Der Facharzt prognostizierte: "Das kriegen wir wieder hin". Burmeister wurde wehrdienstuntauglich geschrieben, bekam Medikamente und eine Diät verordnet, absolvierte dann seine Berufsausbildung als Schrift- und Grafikmaler. Zum Jahreswechsel 1984/85 haute ihn eine schwere Angina um, danach kam er kaum mehr auf die Beine. "Ich hätte im Stehen einschlafen können, hatte keine Kraft mehr, an Arbeiten war gar nicht mehr zu denken", erzählt Burmeister heute. Als der Arzt seine Werte nun überprüfte, war klar: Eine Dialyse war unumgänglich. Sein Leben veränderte sich schlagartig.

"Eine Stunde Dialyse ist so anstrengend wie eine Stunde im Bergbau arbeiten", sagt Burmeister. "Danach ist man platt." Er hat viel über seine Krankheit gelesen, sich ausgetauscht. Vier bis sechs Stunden dauert eine Blutwäsche, Burmeister bekommt davon drei in der Woche. Bis heute. Die Nierenkranken Schwerins kennen sich zum Teil schon über viele Jahre. Heute gibt es drei Dialyse-Zentren in der Landeshauptstadt, Burmeister geht ins Ärztehaus Lankow. Dort gehören etwa 32 Patienten zu einer Dialyse-Schicht. Der Computer steuert heute die richtigen Gaben individuell für jeden Patienten. Zu DDR-Zeiten sei die Blutwäsche wesentlich belastender und längst nicht so effektiv gewesen, sagt der 52-Jährige. Außerdem waren die Begleiterkrankungen härter, sagt Burmeister. Etwa 40 verschiedene Operationen habe er im Laufe seiner Dialyse-Jahre wohl gehabt, schätzt er. "Ich habe so einiges durch, darüber könnte ich ganze Bücher schreiben."

Im Frühjahr 1989 sei eine westdeutsche Pharma-Firma auf die Schweriner Ärzte zugekommen: Ein neues Mittel sollte getestet werden, nämlich besagtes Epo. "Man hat uns gesagt, dass es gegen Blutarmut hilft und wir dann keine Blutkonserven mehr brauchen", erklärt Burmeister. "Das war sehr einleuchtend, keiner hat sich dagegen gewehrt." Gut 100 Blutkonserven habe Burmeister allein in seinem ersten Dialyse-Jahr verbraucht, nach Epo keine mehr. Dennoch: Die Epo-Gaben seien im Frühjahr 1989 noch variiert worden, mal wurde das Medikament mit und mal ohne zusätzliches Eisen verabreicht. Doch Burmeister bilanziert: "Für uns war das neue Medikament ein echter Segen, das allgemeine Wohlbefinden wurde viel besser." Das erste so genannte rekombinante Epo-Präparat wurde übrigens erst 1989 offiziell zugelassen, und zwar in Amerika. Deutschland zog 1990 nach.

Der Schweriner Test sollte ein halbes Jahr dauern, erinnert sich Burmeister. Der Pharmakonzern habe außerdem versprochen, den Patienten das Epo auch weiterhin zur Verfügung zu stellen. Doch solche Abmachungen brauchte es bald nicht mehr. Im Herbst kam die Wende, ab 1990 auch eine neue Qualität der Dialyse, sagt Burmeister. "Ich kannte die Unterschiede bereits, weil ich längere Zeit in den Westen reisen durfte und dann dort meine Blutwäschen bekam." Obwohl er schon zu DDR-Zeiten hätte ausreisen dürfen - Bert Burmeister ist in Schwerin geblieben.

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