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Film Über Todeszug : Sülstorfer stellen sich ihrer Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rund 70 Gäste im Gemeindehaus von Dokumentation über KZ-Zug tief bewegt / Schüler wollen Ereignisse aus dem April 1945 vor Ort erforschen

svz.de von
erstellt am 26.Jan.2014 | 22:00 Uhr

„Ich habe noch nie so viel Elend gesehen“, notierte der Sülstorfer Eisenbahner Martin Ehlers in sein Tagebuch. Drei Tage und zwei Nächte hatte im April 1945 ein Zug mit rund 4600 KZ-Häftlingen auf einem Gleis nahe des Bahnhofs gehalten. Hunderte Gefangene starben. 1997 drehte Wolfgang Ehlers, Enkel von Martin Ehlers, gemeinsam mit Jugendlichen eine Dokumentation über die Tragödie. Am Sonnabend wurde „Der Zug von Sülstorf“ noch einmal im Gemeindehaus gezeigt. Zur Filmvorführung anlässlich des heutigen Holocaust-Gedenktages hatten die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde und die Gemeinde Sülstorf eingeladen.

Was sich vor fast 70 Jahren in ihrem Ort ereignet hat, bewegt die Sülstorfer noch immer tief. So blieb am Sonnabend im Gemeinderaum auch kein Platz frei. Wolfgang Ehlers hatte für seinen Film einen Sülstorfer interviewt, der das furchtbare Geschehen vom 13. bis 15. April 1945 als Dreizehnjähriger miterlebt hatte, und er hatte ihn mit einer Polin zusammengebracht, die den Transport überlebt hatte. „Dieses Zusammentreffen hat auf die Jugendlichen, die an der Dokumentation beteiligt waren, einen besonders tiefen Eindruck gemacht“, berichtete Wolfgang Ehlers vor etwa 70 Zuhörern.

Aus Helmstadt-Beendorf, einem Außenlager des KZ Neuengamme, kamen die Frauen und Männer, die damals im Zug unterwegs waren, eingesperrt in Güterwaggons, ständig bedroht von ihren brutalen Bewachern. Die Häftlinge sollten nach Wöbbelin gebracht werden, in einem Transport fast ohne Wasser und Verpflegung. In Sülstorf hatte der Zug gehalten, weil ein anderer Treck aus Schandelah das Anschlussgleis des KZ Wöbbelin blockierte. Am 15. April war der Sülstorfer Zug schließlich zurück nach Wöbbelin gerollt, wo die SS die Männer in das Lager trieb. Für die Frauen endete die Odyssee erst am 21. April in den Außenlagern des KZ Neuengamme in Sasel und Eidelstedt.

In Sülstorf erinnert ein Gedenkstein an 53 getötete jüdische Frauen aus Ungarn, deren Leichen nach Kriegsende gefunden worden waren. Tatsächlich seien aber während des Aufenthaltes in Sülstorf und schon auf der Anfahrt von Wittenberge mehr als 300 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen umgekommen, erklärte die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, Ramona Ramsenthaler. Zusammen mit Schülern aus Stralendorf und Rastow sowie ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern will sie die Geschichte des „Zugs von Sülstorf“ noch einmal vor Ort erforschen. Dabei soll auch das Gelände hinter der jetzigen Gedenkstätte am Bahnhof nach Hinweisen auf weitere Opfer abgesucht werden (wir berichteten).

Auch Pastor Arpad Csabay und Bürgermeister Horst Busse arbeiten an dem Geschichtsprojekt mit. Die Gemeinde plane eine Neugestaltung der Gedenkstätte, kündigte der Bürgermeister an. „Wir wollen die Ideen der Schüler in unsere Überlegungen mit einbeziehen“, sagte Busse.

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