Munition im See: Streit um Entsorgung : Stille Gefahr lauert im Schweriner Ziegelsee

Die Idylle trügt: Im Ziegelinnensee liegen riesige Mengen an Munition und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg und werden mit den Jahren immer gefährlicher. Reinhard Klawitter
Die Idylle trügt: Im Ziegelinnensee liegen riesige Mengen an Munition und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg und werden mit den Jahren immer gefährlicher. Reinhard Klawitter

Im gesamten Ziegelinnensee ist das Tauchen und Ankern verboten - seit 67 Jahren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Waffen und Munition in großer Menge in das Gewässer gekippt. Über ihre Entsorgung wird gestritten.

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28. November 2012, 06:53 Uhr

Werdervorstadt | Im gesamten Ziegelinnensee ist das Tauchen und Ankern verboten - schon seit 67 Jahren. Der Grund: Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Waffen und Munition in großer Menge in das Gewässer gekippt. Sogar mit Schuten wurde die gefährliche Fracht auf den See gefahren und verklappt. Eine Altlast, die die Fraktion der Unabhängigen Bürger jetzt thematisiert hat. Denn "im Zuge der Neugestaltung des Areals um den Speicher ist eine Übernahme des Gewässers in die Verantwortlichkeit der Landeshauptstadt vorgesehen". Die möchte beispielsweise gut 100 Bootsliegeplätze errichten. Doch zuvor müssen eben die Kriegs-Altlasten aus dem See geholt werden. Aber wer ist dafür verantwortlich und wer muss das Ganze bezahlen?

Die Unabhängigen Bürger wollen von der Oberbürgermeisterin bis zum Jahresende "zum Sachstand" unterrichtet werden. Sie weisen darauf hin, dass für die Beseitigung der "reichseigenen Munition" die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches zuständig ist. "Grundlage ist das Gesetz zur allgemeinen Regelung durch den Krieg und den Zusammenbruch des Deutschen Reiches entstandener Schäden."

Eine Nachfrage bei der Stadtverwaltung brachte keine Erklärung. Statt dessen verwies eine Sprecherin auf das Innenministerium. Dessen Sprecherin Marion Schlender teilte mit, dass man sich nicht äußern werde. Zuständig sei die Bundeswasserstraßenverwaltung. Das ist im Falle der Schweriner Gewässer das Wasser- und Schifffahrtsamt in Lauenburg (WSA). Dessen Chefin Bettina Kalyt ta verweist darauf, dass es gewisse "Spielregeln" gäbe. "Bislang sehen wir keine akute Gefährdung auf dem Ziegelinnensee." Der Hintergrund: Das WSA ist lediglich für die "Leichtgängigkeit" der Berufsschifffahrt zuständig - und die ist mit dem Ankerverbot gegeben. Wenn die Stadt ein Interesse habe, die Munition zu entfernen, müsse man darüber sprechen. Auf ihrem Schreibtisch sei eine Anfrage dazu aber noch nicht gelandet, so Kalytta.

Nach Informationen dieser Zeitung ist das Thema hochbrisant. Der Ziegelinnensee ist in die zweithöchste Gefährdungsstufe 4 eingeordnet. Der Grund ist die lange Zeit, die die brisanten Kriegshinterlassenschaften bereits im Wasser liegen. Wobei offenbar vieles noch sehr gut erhalten ist. Was Waffen-Fetischisten anzulocken scheint. Bei regelmäßigen Kontroll-Tauchgängen stellt die Bereitschaftspolizei immer wieder fest, dass Munitionskisten geöffnet und leer geräumt sind. Vieles deutet darauf hin, dass regelrecht auf Bestellung Maschinengewehre, Panzerfäuste, Granaten oder sogar versenkte Hitler-Büsten hochgeholt werden.

Wenn Schwerin den Ziegelinnensee kostenlos vom Bund übernehmen könnte, wäre das die einfachste Lösung. Dann würde ein Auftrag an den Munitionsbergungsdienst genügen und die Altlasten würden heraus geholt werden. Die Rechnung würde der Bund bezahlen. In der nahen Vergangenheit war es aber so, dass die Bundesrepublik Seen grundsätzlich verkauft hat. In die Verträge wurde immer geschrieben, dass keine weiteren Ansprüche an den Verkäufer geltend gemacht werden. Die Landeshauptstadt würde in diesem Falle auf den Kosten der Munitionsbergung sitzen bleiben. Und weil diese Arbeiten sehr umfangreich sind und Spezialausrüstungen erfordern, wird das Ganze wahrlich nicht billig.

Auch anderswo in der Stadt liegen noch explosive Hinterlassenschaften des Krieges. Die Stellen sind aus Luftbildaufnahmen der alliierten und aus Landungslisten der britischen Bomber relativ gut bekannt. Einige dieser Blindgänger sind jedoch mit Langzeitzündern ausgerüstet. Und die könnten sogar heutzutage durchaus und ohne Anlass die Bomben hochgehen lassen. In Berlin gab es beispielsweise einen solchen Fall - ein Wohnhaus wurde zerstört. Ein Szenarium, dass die Schweriner Verwaltung unbedingt vermeiden will. In den Haushaltsentwurf des kommenden Jahres sind deshalb 200 000 Euro für Munitionsbergung eingestellt.

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