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Geschichtsträchtige Gebäude der Landeshauptstadt : Stasi spitzelte in Schwerins Standesamt

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Zahlreiche Schweriner haben seit dem Jahr 1942 im ehemaligen Standesamt die Ehe geschlossen - überwacht von der Staatssicherheit der DDR. "Die Spitzel lugten durch Löcher in einem Wandteppich."

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erstellt am 15.Apr.2011 | 08:09 Uhr

Schelfstadt | Zahlreiche Schweriner haben seit dem Jahr 1942 im ehemaligen Standesamt in der August-Bebel-Straße 29 die Ehe geschlossen - überwacht von der Staatssicherheit der DDR. "Die Spitzel lugten durch Löcher in einem Wandteppich", erzählt Martin Henning Bischoff. Er ist seit Anfang April Eigentümer des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Kuetemeyerschen Stiftung. Im Jahr 1894 war das Stiftungshaus für damals 95 000 Mark am Pfaffenteich errichtet worden. Es ist das Meisterwerk des mecklenburgischen Architekten Gustav Harmann. Zahlreiche Terrakotten im so genannten "Johann-Albrecht-Stil" an der Fassade deuten auf die mecklenburgische Renaissance hin. In der Zeit wurden die im Nordosten massenhaft vorkommenden Baugrundstoffe Lehm und Ton verbaut. Die Ablagerungen der vergangenen Jahrzehnte von den kunstvollen Terrakotten zu putzen "kostet ein kleines Vermögen", sagt Bischoff.

Dennoch sei sein "Liebhaberstück" in einem außergewöhnlich guten Zustand. "Hausschwamm gibt es hier nicht", sagt Bischoff. Der Muff der DDR-Vergangenheit steigt noch von den Jahrzehnte alten Linoleum-Fußböden auf und unter den darunter liegenden Dielen befindet sich hochgradig stabiler Stahlbeton. Dieser wurde nach Ansicht des neuen Eigentümers noch zu DDR-Zeiten verbaut. Bischoff erleichtert er die Sanierung des alten Gemäuers, stellt ihn im Keller allerdings auch vor ungewöhnlich harte Herausforderungen.

Unter dem Betongewölbe befindet sich ein Abkühlbecken neben einer alten Sauna. Uringelbe Wand- und himmelblaue Beckenfliesen verkleiden unverrückbare, "betonierte Geschichte", sagt Bischoff. "Ich weiß nicht, wie ich das hier ohne Presslufthammer herausbekommen soll." Auf dem Luxus aus DDR-Zeit liegen heute die grauen Ablagerungen der vergangenen Jahre. Im Vorraum zur Sauna ragt eine Reihe Duschköpfe aus der Wand, unter denen vor Jahren vermutlich noch die Staatssicherheit Abkühlung suchte.

Mehrere hundertausend Euro wird Bischoff in das Einzeldenkmal stecken müssen, bis er dort selbst ein neues Zuhause findet. Das Gebäude aus der Neorenaissance steht im ausgewiesenen Sanierungsgebiet der Schelfstadt, wodurch der Schweriner auch auf Fördermittel seitens der Stadt baut.

Der Schweriner, der in den vergangenen Jahren mehrere historische Häuser der Landeshauptstadt und in Hamburg sanierte, will außerdem zwei Mietwohnungen und mehrere Geschäftsräume im ehemaligen Standesamt unterbringen. Am liebsten würde Bischoff sofort mit dem Umbau beginnen. Allerdings hat auch das Amt für Denkmalpflege ein Wörtchen mitzureden. "Aber die Anträge laufen", sagt er. In Sommer kommenden Jahres würde er gern selbst ins alte Stiftungshaus einziehen. Bis dahin hofft Bischoff auch den Tresorschlüssel in der Hand zu halten. Im Erdgeschoss steht ein Tonnen schwerer Panzerschrank, der unter anderem von den Standesbeamten genutzt wurde. Die Zentimeter dicken Metalltüren stehen offen, "verrücken kann man ihn keinesfalls", erklärt Bischoff. Er würde den Tresor gern selbst nutzen. "Aber niemand scheint zu wissen, wo der Schlüssel steckt", sagt er.

Ebenso ahnte vermutlich nur eine Hand voll Menschen, dass die Staatssicherheit nur ein Guckloch entfernt hinter den Schweriner Standesbeamten saß und ein Auge auf die Hochzeitsgesellschaften warf - wohl auch wegen der Westverwandtschaft unter den Gästen. Doch noch heute erinnern sich viele Schweriner an den Wandteppich hinter dem Schreibtisch im Trauzimmer des ehemaligen Standesamtes am Pfaffenteich.

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