Digitales Archiv : Stadtgedächtnis bald auf Festplatte

Mit Samthandschuhen repariert Jörg Moll  den Bauplan aus dem Jahr 1865. „Die Säure der menschlichen Haut setzt dem holzhaltigen Papier zu stark zu“, erklären Dr. Bernd Kasten und Dr. Johann Peter Wurm (l.) einstimmig.
Foto:
1 von 2
Mit Samthandschuhen repariert Jörg Moll den Bauplan aus dem Jahr 1865. „Die Säure der menschlichen Haut setzt dem holzhaltigen Papier zu stark zu“, erklären Dr. Bernd Kasten und Dr. Johann Peter Wurm (l.) einstimmig.

Warum das Landeskirchliche und das Schweriner Stadtarchiv noch nicht alle historischen Dokumente digitalisiert haben

von
09. März 2014, 23:55 Uhr

Google macht es schon mit der Weltliteratur, die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald mit historischen Stadtkarten und auch im Landeskirchlichen Archiv in Schwerin gibt es Überlegungen, die alten Adress- und Kirchenbücher ins Internet zu stellen. Aus fast allen Winkeln der Welt erreichen Anfragen das Kirchenarchiv, wie Dr. Johann Peter Wurm, Leiter des Landeskirchlichen Archives, berichtet. Das weltumspannende Internet verbindet die Nachkommen von Auswanderern so wieder mit den Ursprüngen ihrer Familien, die oft in Kirchenbüchern in der Landeshauptstadt vermerkt sind. Aber eines unterscheidet das Archiv der Landeskirche von Google: „Aufwand und Nutzen, unsere Archivalien zu digitalisieren und im Internet bereit zu stellen, stehen bei uns in keinem Verhältnis zueinander“, sagt Dr. Johann Peter Wurm. Im Landeskirchlichen Archiv füllen historische Dokumente ein etwa 2,5 Kilometer langes Regal.

„Unsere Regale erreichen aneinander gereiht sogar etwa ein Länge von 3000 Metern“, sagt Schwerins Stadtarchivar Dr. Bernd Kasten. Alle Archivalien zu digitalisieren, davon sind beide Archive noch Lichtjahre entfernt. Der Hauptgrund ist fehlendes Geld. Während Google selbst Einnahmen generiert, sind das Kirchenarchiv und auch das Schweriner Stadtarchiv abhängig von der öffentlichen Hand. Die Landeshauptstadt stellt dem Archiv pro Jahr im Schnitt etwa 12 000 Euro für Restaurierungen zur Verfügung, erklärt Dr. Bernd Kasten. Was das im Einzelfall bedeutet, erläutert Mitarbeiter Jörg Moll. „Wir verwahren Landschaftskarten und Baupläne aus dem 19. Jahrhundert. Jede Berührung mit der menschlichen Haut hinterlässt Säure, die das Papier zersetzt. So schadet jede Berührung.“ Will ein Bauherr nun ein historisches Haus in Schwerin in Stand setzen, nutzt er für wenig Geld einen historischen Original-Bauplan aus dem Stadtarchiv oder muss selbst ein Vermessungsbüro beauftragen. „Das kostet im Schnitt etwa 3000 Euro“, schätzt Kasten. Wenn die Pläne nun digitalisiert seien, könnten sie im Computer oder Internet einfach abgerufen werden – ohne Berührung. „Das schont die Originale, die einmal repariert, sicher eingelagert werden können. Dank einer Sonderförderung des Bundes in Höhe von 10 000 Euro konnten wir einige reparieren. Wir verwahren etwa 25 000 Baupläne, von denen bis zu 20 Prozent reparaturbedürftig sind.“

120 Einzelpläne sind inzwischen restauriert. Kostenpunkt: im Schnitt 400 Euro pro Plan. Die sanierten Übersichten können ohne Probleme gescannt werden. „Die historischen Baupläne haben für Schwerin einen besonderen Wert, weil wir einen geschlossenen historischen Baubestand in der Altstadt haben, der kaum im Krieg zerstört worden ist“, erläutert der Stadtarchivar weiter.

Eine Digitalisierung bringt aber noch weitere Vorteile. Das zeigt sich am Fotobestand des Stadtarchives. Dort lagern etwa 15 000 Bilddokumente. Von 2005 bis 2007 wurden alle digitalisiert. „Seitdem nehmen wir nur noch fünf Mal im Jahr Originale zur Hand, aber greifen mehrere hundert Male pro Jahr auf die digitalisierten Dokumente zu“, sagt Jörg Moll.

Und auch das Beispiel der Schweriner Volkszeitung macht deutlich, wo Nutzen aufhört und Aufwand anfängt. „Wir haben alle Jahrgänge der SVZ auf Mikrofilm. Das sind ganze Schränke voll. Mikrofilm ist quasi unverwüstlich. Die Filme zu digitalisieren, würde Kosten jenseits der 50 000-Euro-Marke produzieren“, erklärt Kasten. Also bleibt es beim Film.


zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen