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Turmuhr der Schweriner Paulskirche repariert : St. Paul zeigt wieder die richtige Zeit

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Die alte Lady tickt nicht ganz richtig. "Ihr Stundenschlag ist noch durcheinander", sagt Thomas Scholz. Das kann einer mehr als hundert Jahre alten Turmuhr wie der in der Paulskirche schon einmal passieren.

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erstellt am 10.Aug.2012 | 10:02 Uhr

Paulsstadt | Die alte Lady tickt nicht ganz richtig. "Ihr Stundenschlag ist noch durcheinander", sagt Thomas Scholz. Das kann einer mehr als hundert Jahre alten Turmuhr wie der in der Paulskirche schon einmal passieren. Aber nach drei Jahren Stillstand zeigt sie den Schweriner jetzt wieder die richtige Zeit an.

Etwa 13 000 Euro kostete die Instandsetzung der alten Turmuhr. Die Gemeinde, mehrere Schweriner, Vereine und die Sparkassen-Stiftung haben die Reparatur möglich gemacht. Sie spendeten Geld. Kinder der Gemeinde machten auf der Straße Musik und sammelten Geld zugunsten der Uhr. Die Arbeit hat sich gelohnt.

In diesem Jahr war es soweit: Der Berliner Thomas Scholz hat gemeinsam mit seinem Kollegen Marcel Trettin das Uhrwerk restauriert und wieder in Gang gebracht. Die alte Lady hatte mit den Jahren viel erlebt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm sie die Arbeit auf, machte eine Jahrhundertwende, zwei Weltkriege und eine Jahrtausendwende mit. Die Jahre gingen nicht spurlos an ihr vorüber: Staub und Dreck setzten ihr zu.

"Wenn das Uhrwerk geölt wird, bleibt Staub an ihm hängen", erklärt Scholz. "Dieser Schmutzfilm schmirgelt mit der Zeit das Material ab und setzt die beweglichen Bauteile zu." Ein Wunder, dass sie so lange durchgehalten habe.

Aber irgendwann blieb die Turmuhr der Paulskirche einfach stehen. Das war an irgendeinem Tag zehn Minuten vor zwölf. Es wirkte fast wie ein Hilferuf. Der Stundenschlag der Paulskirche verstummte. Aber seit dieser Woche klingt er wieder über der Paulsstadt und dem Pfaffenteich. "Allerdings schlug es gestern 17-mal", sagt Pastor Herbert Manzei. Irgendwas stimme da noch nicht. Üblicherweise gibt eine helle Glocke den Viertelstundenschlag an - einmal zur Viertelstunde, zweimal zur halben, dreimal zur Dreiviertel- und viermal zur vollen Stunde - bevor volle, tiefe Glockenschläge die Stundenzahl angeben. "Aber 17-mal ist definitiv zu viel", sagt Manzei.

"Das müssen wir noch einregeln", sagt Scholz, "genauso wie die Taktgenauigkeit". Alte Ladys brauchen einfach mehr Pflege. Wichtig sei, dass die Lager ausreichend geölt werden "mit Turmuhrenöl, das kennt man auch als Knochenöl. Das ist etwas teurer, aber genau auf die Bauteile abgestimmt", erklärt der Uhrmacher. Die neuen Bauteile, die zum Teil speziell angefertigt wurden, müssen erst ihr Zusammenspiel finden.

Mechanische Uhren gehen genau: Die in der Schelfkirche weicht in 24 Stunden nur zehn Sekunden von der Zeit ab. Die Lady in der Paulskirche kann das auch, davon ist Scholz überzeugt. "Sie ist der Uhr von Big Ben in London nachempfunden, wegen der Genauigkeit des Werkes - quasi die kleine Schwester", sagt er. Wenn sie richtig "eingetaktet" sei, reiche es, sie einmal im Monat zu stellen. Das müsse man in den kommenden Monaten ausprobieren. "So alte Uhren gehen im Sommer anders als im Winter, weil das Material auf die Außentemperaturen reagiert", sagt der Berliner. Das sei Erfahrungssache, genauso wie die Pendel einzustellen. Wer die Uhr kennt, hört wie Pastor Manzei, dass sie schnell schlägt - zu schnell.

"Das liegt an den Pendeln", sagt Scholz. Die Gewichte treiben die Uhr an. Scholz hatte sie erst über eine Umlenkrolle geleitet, "aber da lief sie zu langsam". Jetzt hängt das Pendel so tief wie möglich, die Gewichte direkt an der Uhr und "sie tickt zu schnell". Jetzt sind die Gewichte zu schwer. Da müssen Scholz und Trettin noch experimentieren und die Küsterin noch wöchentlich die mehr als 100 Stufen in den Kirchturm steigen, um die Uhr zu stellen. "Alte Ladys brauchen eben ein bisschen mehr Pflege", sagt Scholz. Er will die Uhr auch in den kommenden Jahren begleiten. "Damit sie richtig tickt."

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