Schwerin : Sprachprobleme und kein Internet

Schule einmal anders: Mit einem technisch auf dem neuesten Stand ausgerüsteten Laptop oder Computer sind die meisten Flüchtlingsfamilien nicht ausgestattet. Das erschwert das Homeschooling für die Kinder.
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Schule einmal anders: Mit einem technisch auf dem neuesten Stand ausgerüsteten Laptop oder Computer sind die meisten Flüchtlingsfamilien nicht ausgestattet. Das erschwert das Homeschooling für die Kinder.

Flüchtlingskinder sind beim digitalen Lernen in der Corona-Krise oft benachteiligt / Das zeigt auch ein Beispiel aus der Landeshauptstadt

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22. April 2020, 05:00 Uhr

Kinder aus sozial schwachen Familien sind beim digitalen Lernen in der Corona-Krise benachteiligt, weil ihre Eltern die notwendige Technik schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht zur Verfügung stellen können. Das ist das Ergebnis von Online-Umfragen des Landesschüler- und des Landeselternrats sowie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unter insgesamt 19 000 Schülern, Eltern und Lehrern in MV (SVZ berichtete). Noch größer sind die Probleme offenbar in vielen Flüchtlingsfamilien. Ein Beispiel aus Schwerin.

Kerstin Fischer engagiert sich im Verein Miteinander – Ma’an. Seit gut drei Jahren kümmert sich die Schwerinerin um eine syrische Familie, eine Mutter mit drei Kindern. „Die beiden Mädchen, 16 und 17 Jahre alt, machen ein Berufsvorbereitungsjahr an einer Berufsschule, der elfjährige Junge geht in die vierte Klasse einer staatlichen Grundschule“, erzählt Fischer. Gerade die Situation des Jungen bereitet ihr Sorgen. Er könnte durch die Zeit des Homeschoolings den Anschluss verlieren, fürchtet die Schwerinerin. Einziges internetfähiges Medium der Familie sei das Smartphone der Mutter. „Es gibt keinen Rechner, keinen Laptop, keinen Drucker.“

Hinzu kommt: Die Mutter des Jungen ist sehbehindert und hat nach Angaben von Kerstin Fischer auch noch andere Erkrankungen. „Deshalb kann sie an keinem Deutschkurs teilnehmen, spricht und versteht nur wenig“, sagt die Familienpatin. Auch von seinen Schwestern könne der Junge bei den Hausaufgaben kaum Hilfe erwarten, in Deutsch sei er der Beste in der Familie. Der Elfjährige müsse selbst sehen, wie er zurechtkomme.

Kerstin Fischer hilft, wo sie kann. 27 Seiten mit Hausaufgaben hat sie für den syrischen Jungen schon ausgedruckt, auch die beiden Schwestern mit heruntergeladenem Schulmaterial versorgt. Englisch, Mathe, Musik, Deutsch und Sachkunde – per Telefon und WhatsApp versucht Fischer, den Jungen beim Stoff aus der vierten Klasse zu unterstützen.

„Das Ausdrucken und Weitergeben der Aufgaben ist ein kompliziertes Hin und Her“, erklärt Kerstin Fischer. Leider sei es der Schule nicht möglich, die Wochenaufgaben per Post direkt an die Familien zu verschicken. Einen Vorwurf an die Klassenlehrerin will Fischer aber ausdrücklich nicht machen. Sie sei eine sehr gute Lehrerin, sehr engagiert und hilfsbereit und werde auch von ihrem Patenjungen sehr geschätzt.

Der Fall, den Kerstin Fischer beschreibt, steht anscheinend nicht allein. „In vielen Flüchtlingsfamilien gibt es keinen Internet-Zugang oder es fehlt ein Computer auf dem technisch neuesten Stand, dazu kommen die Sprachprobleme“, sagt die Vorsitzende des Flüchtlingsrates MV, Ulrike Seemann-Katz. Der Staat mache es sich zu leicht, wenn er die Kinder von Geflüchteten wie deutsche Kinder einfach ins Homeschooling schicke. Vereine, private Initiativen und auch Einzelpersonen würden im ganzen Land versuchen, den Betroffenen zu helfen, so Seemann-Katz. Letztlich gehe es aber um eine Frage der Lehrmittelfreiheit und um gleiche Bildungschancen.

Am kommenden Montag, 27. April, beginnt für die ersten Schüler in Schwerin nach der Corona-Unterbrechung wieder der Unterricht in den Schulen. Kerstin Fischer hofft, dass sich die Situation bald normalisiert. Ihr Patenjunge gehe gern zur Schule. „Er setzt sich auch für andere Schüler ein und wurde dafür schon ausgezeichnet“, erzählt Fischer.

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