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13. Dezember 2017 | 16:16 Uhr

Schwerin : So wohnen Pechvögel

vom

Der Wohnblock in der Hamburger Allee 168 in Schwerin soll abgerissen werden. Die Bewohner müssen raus. Auch eine Gruppe von Senioren. Das Pikante: Sie machen diese unfreiwillige Umzugs-Erfahrung zum wiederholten Mal.

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2012 | 07:06 Uhr

Muesser Holz | Der Tenor ist auf vielen Versammlungen der gleiche: Das Mueßer Holz sei ein Problemstadtteil, viele Mieter möchten das Quartier verlassen, vor allem ältere Menschen fühlten sich hier nicht sicher. Mit Sozialprojekten, größerer Polizeipräsenz und bewussten Millioneninvestitionen versucht die Stadt, diesen Trend zu stoppen.

Die Hausgemeinschaft in der Hamburger Allee 168 scheint der komplette Gegenentwurf zum schlechten Ruf zu sein: Eine fröhliche Runde Senioren lebt sehr gerne und glücklich hier. Genau diese Menschen sollen jetzt aber gehen. Weil nämlich ihr Haus, das der Schweriner Wohnungsbaugenossenschaft (SWG) gehört, Anfang nächsten Jahres abgerissen wird. Das Pikante: Einige der Betroffenen machen diese unfreiwillige Umzugs-Erfahrung bereits zum wiederholten Mal.

"Die SWG hat mir bei meinem ersten Umzug 2007 versprochen, dass dieses Haus hier stehen bleibt", sagt Annemarie Siegmund, die es nicht fassen kann, dass sie schon wieder ihre Sachen packen soll. Sie ist immer noch empört über die urplötzliche Ankündigung der Genossenschaft, den Fünfgeschosser und die Nachbar blocks abzureißen. Gerüchteweise hatte sie vor Monaten zwar schon von einem Abriss gehört. Aber verlässliche Informationen gab es nicht. Die Wohnung, in der sie heute lebt, wurde vor fünf Jahren für sie extra saniert, erinnert sich Annemarie Siegmund. Fliesen in die Küche, Laminat auf den Boden, neue Stromleitungen, neues Bad. Eine Investition in die Zukunft, dachte die Schwerinerin. "Warum bauen sie nicht einfach die oberen Stockwerke zurück wie in Neu Zippendorf?", fragt die Seniorin, die wegen einer Gehbehinderung ihre Erdgeschoss-Wohnung sehr schätzt.

Doch die Hamburger Allee 168 und ihre Nachbarblocks schreiben schon lange rote Zahlen im fünfstelligen Bereich, sagt SWG-Vorstand Wilfried Wollmann auf SVZ-Nachfrage. Was 2007 aus städtebaulichen Erwägungen noch nicht möglich war, darf fünf Jahre später passieren: Abriss aus wirtschaftlichen Gründen. "Wir mussten uns korrigieren", sagt Wollmann.

Annemarie Sigmund, Sabine Gniefke, Sonja Godau, Marika Anga und Peter Walther müssen unter dieser "Korrektur" nun leiden. Sie haben Angst, dass bei einem erneu ten Umzug nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Möbel kaputt gehen und sie draufzahlen müssen. Eine ansprechende Ersatzwohnung hat bislang noch keiner von ihnen gefunden.

Peter Walther hat es besonders übel erwischt: Er muss bereits zum dritten Mal aus einem Abriss-Haus ausziehen - das erste lag in der Max-Planck-, das zweite in der Eulerstraße. Bei jedem Umzug habe ihm die SWG versichert, das nächste Haus stehe auf keiner Rückbau-Liste. Peter Walther hat Atemprobleme, ist zu 80 Prozen t schwerbehindert, wie er betont. Wenn er von seiner Odyssee berichtet, ringt er nach Luft. Seine Anbauwand sei beim zweiten Umzug kaputt gegangen, erzählt er. Und jetzt habe er nur eine andere Wohnung bei einem anderen Anbieter gefunden. Doch die SWG zahle nur für Umzüge im eigenen Bestand. "Ich bin ein schwer kranker Mann und kann nachts nicht mehr schlafen", sagt er und seine Nachbarinnen müssen ihn beruhigen - mit einem Schlückchen Kaffee, einem Stück Kuchen und freundlichem Tätscheln auf dem Knie. Genau diese Gemeinschaft ist es, an der sie so sehr hängen. "Ärzte sind außerdem in der Nähe, Einkaufsmöglichkeiten und schöne Spazierwege direkt am Wald", sagen sie unisono. "Selbst wenn ich nachts mit dem Hund rausgehe, habe ich kein bisschen Angst", fügt Marika Anga hinzu.

Wilfried Wollmann kennt die betroffenen Mieter und ihre Geschichte. "Sie kriegen von uns alle Unterstützung, die sie brauchen", betont er. "Herrn Walther werden wir den Umzug zu einem anderen Unternehmen zahlen. Natürlich ist es gerade für ältere Leute ein großes Problem, die richtige Wohnung zu finden. Wir versuchen alles so hinzukriegen, dass es passt." Der Leerstand im Mueßer Holz sei für die Genossenschaft immer noch ein Problem, fügt er hinzu. Irgendwann sei ein Block so gering bewohnt, dass die Betriebskosten für das Unternehmen die Mieteinnahmen bei weitem übersteigen. So auch in dem betroffenen Komplex an der Hamburger Allee und in der Galileo-Galilei-Straße.

Der Mieterbund Schwerin, an den sich die rüstige Runde gewandt hat, beklagt vor allem die "undurchsichtige Informationspolitik" der SWG in diesem Fall. "Dabei haben wir mit der SWG eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht", sagt Ingo Schall, Geschäftsführer des Mieterbundes in der Landeshauptstadt. Eine offizielle Kündigung für die Hamburger Allee 168 läge zurzeit übrigens noch nicht vor. Die Mieter hätten dann erst die Möglichkeit, aufgrund der Sozialklausel zu widersprechen.

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