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Zeitung für die Landeshauptstadt

15. Dezember 2017 | 20:45 Uhr

Lankower Riese : So ist das Leben im Abrisshaus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Horst Beyer wohnt im Elfgeschosser der Plöner Straße

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2016 | 06:30 Uhr

Es ist dunkel. Kalt. Punkt 18 Uhr. Ich stehe vor dem Hochhaus in der Plöner Straße. Ein leises Rauschen ist zu hören. Es ist die Lüftung des Elfgeschossers. Sonst nichts. Kein Mensch ist auf der Straße. In nur 17 Wohnungen scheint Licht. Der Rest ist dunkel.

Die Haustür öffnet sich. Ein pestilenzartiger Gestank macht sich breit. Er kommt aus dem Hausflur. „So riecht es hier immer – das kommt vom Kot und vom Urin, der an den Wänden klebt“, erklärt Horst Beyer. Einige Bewohner würden sich im Gebäude der Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS) immer wieder danebenbenehmen, ihre Notdurft einfach im Flur verrichten.

Der 56-Jährige wohnt im dritten Stock des Lankower Riesen. Seit zwei Jahren. Sein Blick ist traurig. Leer. „Es sind einfach unwürdige Wohnbedingungen“, murmelt der Frührentner. Dann bittet er mich in die Wohnung. Hier ist es sauber und ordentlich. Allerdings ziemlich klein. Auf etwa 55 Quadratmetern verteilen sich Flur, Bad, Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und ein Abstellraum. „Für mich reicht es – aber das Bad ist eine Katastrophe“, sagt Beyer. Beim Einzug vor zwei Jahren sei der Abfluss in der Dusche völlig hinüber gewesen. Horst Beyer hat ihn erneuert. Hat auch den Boden neu gefliest. „Wenn ich dusche, setzte ich jedes Mal das ganze Bad unter Wasser – es gibt ja keine Duschwanne, gab es nie.“ Nun klingt seine Stimme ärgerlich. Sogar wütend.

Aber das sei nicht alles, was ihm Sorge bereite. Horst Beyer ist Krebspatient. Muss immer mal wieder für einige Tage und Wochen in die Helios Kliniken. „Dann frage ich Bekannte, ob sie hier übernachten.“ Er habe Angst vor einem Einbruch. Vor Randalierern, wie er sagt. „Die Keller sind bereits aufgebrochen, Scheiben eingeschlagen – alles nur, weil der Block fast leer ist“, schimpft Horst Beyer. Dass das Hochhaus eines der beiden Gebäude ist, die im kommenden Jahr abgerissen werden sollen, hat er gehört. Weil eine Renovierung zu teuer wäre. Wann genau und wie es vonstatten gehen soll, aber nicht. „Ich finde es furchtbar, dass wir unwissend zurückgelassen werden.“ Wo er dann wohnen werde, weiß Beyer noch nicht. „Ich denke positiv. Die WGS wird mir schon eine Ersatzwohnung anbieten, wenn es soweit ist“, sagt der Sozialhilfeempfänger mit einem leichten Lächeln. Er gibt mir die Hand. Bedankt sich für die Zeit, für das Gespräch.

Mein Weg führt zurück durch den langen, leeren Gang des Lankower Riesen. Sieben Stufen hinab zum Fahrstuhl. Ich fahre hinunter. Der Geruch steigt mir wieder in die Nase. Mein Gang wird schneller. Draußen ist es immer noch ruhig. Ich gehe über den Parkplatz. Kein Mensch ist zu sehen. Nur die Lüftung, die höre ich immer noch leise rauschen.

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