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Zeitung für die Landeshauptstadt

16. Dezember 2017 | 11:46 Uhr

Chor in Schwerin : Singen stärkt das Gedächtnis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Chorangebot für Menschen mit Demenz: Katharina Kaschny spricht im SVZ-Interview über Musikgeragogik und die Freude am Singen

von
erstellt am 24.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn singen macht Freude. Das gilt auch für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Die Kultureinrichtungen der Stadt bieten gemeinsam mit dem Zentrum Demenz, dem städtischen Fachdienst Gesundheit und dem Helferkreis Schwerin vom 6. September an ein spezielles Chorangebot in der Volkshochschule Schwerin an. SVZ sprach mit der Musikerin Katharina Kaschny über Musikgeragogik und das musikalische Gedächtnis von Menschen mit Demenz.

Frau Kaschny, Sie gehören zu den Ideengeberinnen für das Schweriner Chor-Projekt, das sich an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen richtet. Warum hilft ausgerechnet das Singen diesen Menschen?
Katharina Kaschny: Sprache und Musik sind wichtige Kommunikationsmittel. Gerade die Musik gilt als einer der Königswege im Umgang mit Menschen mit Demenz. Warum? Der Musikbereich im menschlichen Gehirn bleibt von der Demenz nahezu verschont. Singen verbindet wunderbar die Sprache und die Musik. Fast jeder kann es. Langes Üben ist in diesem Fall nicht notwendig. Es braucht keine großen Vorbereitungen und funktioniert wunderbar in der Gruppe. Denn dort kann man sich verstecken und ist trotzdem dabei. Das bedeutet, dass sich die Menschen sicher und zugleich geborgen fühlen.
Können sich Menschen mit Demenz denn Melodien und Texte merken?
Menschen mit Demenz erinnern sich sehr gut an Volkslieder, Filmschlager oder beliebte Lieder aus dem Radio, während sie vielleicht schon vergessen haben, wer sie selbst sind. Oft erlebe ich diese Menschen sehr frei beim Singen und Musizieren. Die Selbstzensur fällt nach und nach weg. Die freie Entfaltung von Gefühlen nimmt immer mehr Raum ein. Ich habe beobachtet, dass es durch musikalische Rituale tatsächlich möglich ist, Menschen mit Demenz neue Lieder beizubringen. Diese werden auch noch nach dem völligen Verstummen eines Menschens mit Freude erkannt.
Sie sind selbst mit musikalischen Angeboten in Schweriner Altenheimen unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Wenn man gemeinsam musiziert, entsteht eine wunderbare Nähe. Aus einem großen Aufenthaltsraum wird eine gemütliche Runde. Das geschieht fast unmerklich: Vorher abwesende Blicke füllen sich mit Leben. Die Oberkörper richten sich auf. Man schenkt sich gegenseitig ein Lächeln. Die Gesichter strahlen. Auch das ist Kommunikation. Und sie kommt ohne Worte aus. Seit 2011 betreue ich regelmäßig Seniorengruppen in verschiedenen Altenheimen. Die Zusammensetzung ist dabei sehr verschieden. Es treffen Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Menschen mit Demenz aufeinander und kommen sich näher. Wir erzählen uns Geschichten, Wissenswertes und Alltagserlebnisse. Verbunden mit Musik ist das eine schöne Kombination von Biografiearbeit, Gedächtnistraining und das Aufbrechen der im Alter oft einsetzenden sozialen Isolation. Kontinuität ist in diesem Bereich sehr wichtig. Das gemeinsame Singen wird von vielen Teilnehmern als kleiner Höhepunkt der Woche empfunden.
Warum werden auch die pflegenden Angehörigen in das Chor-Projekt einbezogen?
Das hat ganz praktische Gründe: Ohne die Angehörigen oder Betreuungspersonen erfahren Menschen mit Demenz nichts von dem Angebot. Außerdem können sie ohne Begleitung gar nicht an den Chorproben teilnehmen. Und dann wollen wir natürlich auch den pflegenden Angehörigen etwas bieten. Sie leisten Außerordentliches und sollen etwas Schönes erleben, auf das auch sie sich jede Woche freuen können. Es ist außerdem eine Chance, gemeinsame positive Erlebnisse zu schaffen. Bei der Chorprobe treffen die Begleitpersonen außerdem auf Gleichgestimmte. Sie können Kontakte knüpfen und sich über ihre Erfahrungen und Probleme austauschen. Denn sie kommen durch die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz ja ansonsten leicht in Situationen, in denen sie sich überfordert und isoliert fühlen. Die wöchentliche gemeinsame Singstunde kommt also allen zugute.

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