Pflegeletern aus Alt Zachun : Sie sind mehr als nur Eltern auf Zeit

<p>Der Landkreis Ludwigslust-Parchim sucht Pflege- und Adoptiveltern. </p>
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Der Landkreis Ludwigslust-Parchim sucht Pflege- und Adoptiveltern.

Nachdem die drei leiblichen Kinder aus dem Haus waren, haben Rüdiger und Ingrid Streich aus Alt Zachun Pflegekinder aufgenommen

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28. Juni 2016, 12:00 Uhr

Es war kurz vor Weihnachten. Ingrid Streich und ihre Kolleginnen hatten eine Dankeschön-Feier für Kinder aus dem Kinderheim Zippendorf organisiert. „Plötzlich kam ein kleines Mädchen auf mich zu und fragte: ,Willst du meine neue Mama sein?‘“ Damals war Ingrid Streich zu Tränen gerührt. Auch jetzt kullern Tränen über ihre Wangen, wenn sie die Geschichte erzählt. Es sei das Schlüsselerlebnis gewesen. Der Moment, in dem sie ernsthaft darüber nachgedacht hat, ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen.

Viele Abende hat sie mit ihrem Mann darüber geredet. Was geht? Was geht nicht? Auch mit den eigenen drei Kindern, die mittlerweile flügge waren und das Haus verlassen hatten, haben sie das Thema von allen Seiten beleuchtet. „Das ist eben nicht wie ein Haustier oder ein neues Auto. Es geht darum, einen Menschen bei uns aufzunehmen – einem Kind ein Zuhause zu bieten“, erklärt die Erzieherin.

Aus der anfänglichen Idee wurde nach mehreren Monaten Ernst. 1998 kam das erste Pflegekind in die Familie: Cindy. Sie war damals ein Jahr alt, lebt nun allein und hat schon ein eigenes Kind. 1999 zog Sophie ein. Heute ist sie 19 Jahre und lebt immer noch bei den Streichs. Mit ihr momentan auch Sarah (12) und Tom (14).

Es war nicht immer einfach. Gerade am Anfang. Ingrid Streich macht daraus kein Geheimnis: „Es sind Kinder, die einen prall gefüllten Rucksack mitbringen.“ Damit meint die Alt Zachunerin kein Übermaß an Spielzeug oder zu viele Kleidungsstücke. Es seien viel mehr die traurigen Geschichten aus der eigenen Familie. Sie spricht von Schicksalsschlägen, Gewalt, Missbrauch, verletzten Seelen. „Dieser Rucksack lässt sich nicht ausschütten und das Schlechte aussortieren. Wir müssen einen Weg finden, diese Dinge aufzuarbeiten“, sagt die Pflegemutter. Und das Wir betont sie ganz besonders. Denn in einem ist sie sich mit ihrem Mann Rüdiger einig: „Wir müssen uns verändern, tun das auch heute noch – jeden Tag.“

Als Cindy, das erste Pflegekind, zu ihnen kam, sagte sie zu Rüdiger Streich: „Dich fasse ich nicht an, dich mag ich nicht.“ Er akzeptierte die Wünsche des Mädchens. „Das war nicht einfach, doch mit der Zeit wissen wir, warum sie so reagiert hat“, fügt er hinzu. Cindy sei zwar anders als ihre leiblichen Kinder gewesen – aber nicht weniger liebenswert. „Wir haben es geschafft zusammenzuwachsen“, sagt Ingrid Streich und lächelt.

Trotz der Nähe zwischen ihnen und den Kindern ist da stets Platz für die leiblichen Eltern. „Wir kennen die Geschichten, aber es steht uns nicht zu, über die Eltern zu urteilen“, sagt der Pflegevater. So haben die drei Kinder stets die Möglichkeit, Kontakt zu den leiblichen Eltern zu halten. Momente, die anfänglich stark am Nervenkostüm zerrten. „Aber wir müssen uns immer bewusst machen, wir sind die Pflegefamilie. Kinder sind keine Handelsware, die kauft man nicht und besitzt sie dann“, betont Rüdiger Streich. Er und seine Frau behandeln die Kinder wie ihre eigenen, bezeichnen sie auch nie als Pflegekinder. „Es sind unsere Kinder. Wir machen mit ihnen die Hausaufgaben, gehen zu den Elternversammlungen, hören zu bei Liebeskummer und auch allen anderen großen und kleinen Sorgen“, erzählt der Kraftfahrer.

Nicht jeder Freund der Familie hatte Verständnis für die neuen Lebensgewohnheiten, kein Ohr für die anders gearteten Sorgen. „Aber wir haben durch die Kinder auch neue Freunde gewonnen – und das größte Geschenk: Wir haben die Kinder im Haus“, sagt Ingrid Streich.

Ihren Job hat sie vor Jahren aufgegeben, eine zweijährige Zusatzausbildung gemacht und auch heute noch hält sie regelmäßig Kontakt zu anderen Pflegeeltern.

Dass der Spagat zwischen den drei Pflegekindern und den leiblichen nicht immer einfach ist, verheimlichen sie ebenso wenig. „Wir versuchen, alle gleich zu behandeln. Das scheint nicht so schlecht zu laufen, denn wir bekommen von allen ganz viel Liebe zurück“, freuen sie sich und wieder kullert eine Träne. Eine der Freude.

Kontaktdaten für Pflegeeltern:

Der Landkreis Ludwigslust-Parchim sucht derzeit Familien, die sich vorstellen können, ein Pflegekind aufzunehmen oder auch Kinder zu adoptieren.

Für den Altkreis Parchim:
Marianne Steinhäuser
03871/7225163
MSteinhäuser@kreis-lup.de

Für den Altkreis Ludwigslust:
Bettina Haugg
03871/7225164
BHaugg@kreis-lup.de

Gabriele Dierkes
03871/7225165
GDierkes@kreis-lup.de

Petra Schröder
03871/7225166
PSchroeder@kreis-lup.de
 

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