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Debatte in der Landwirtschaft : Seine Ferkel bleiben echte Kerle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweinezüchter stehen vor großen Herausforderungen – Plater setzt beim Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration auf Ebermast

von
erstellt am 21.Apr.2017 | 20:45 Uhr

Die Schweinehalter stehen vor der nächsten großen Herausforderung.  Nachdem sich die Preise für Schlachtschweine langsam erholen, geht es nun um den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration. Noch 620 Tage können Schweinezüchter ihre Ferkel auf herkömmliche Weise kastrieren: Mit einer Injektion zur Schmerzausschaltung und einem kleinen chirurgischen Eingriff. Doch dann ist definitiv Schluss. Bereits jetzt gehen einige der 83 Schweinezüchter in MV einen anderen Weg. Einer von ihnen ist Stefan Wille genannt Niebur. Zusammen mit dem Bauernverband  und dem Schweinekontroll- und Beratungsring hat er gestern seine Stalltüren in Liessow zum „Stallgespräch“  geöffnet und seine wie auch die Bedenken seiner Berufskollegen erklärt.  Der Plater hat 700 Sauen im geschlossenen System, die Sauenhaltung mit eigener Aufzucht ist  in Liessow.

„Wir sind gern bereit, jeden Schritt zu  machen, damit es den Tieren am Ende besser geht“, sagt er und schiebt hinterher: „Es muss nachhaltig sein  und  bezahlt werden.“  Und da wackelt, so auch die feste Überzeugung des Bauernverbandes,  der Vorstoß der Bundesregierung. Diese verweist   auf drei Alternativen: die Betäubung  vor der Kastration, die Impfung gegen Ebergeruch und die Mast unkastrierter  Jungeber.  Für Letzteres  hat sich der Plater Schweinebauer entschieden. „Es ist aber eine Alternative mit vielen Fragezeichen“, sagt  Wille genannt Niebur.  Der Vertrag mit seinem Vermarkter macht dies möglich. Das sei aber nicht bei allen so.  „Nur maximal 30 Prozent, manche sprechen sogar nur von 15,  Eberfleisch nimmt die verarbeitende Industrie ab“, erklärt Dr. Jörg Brüggemann, Leiter der LMS Agrarberatung Schwerin. Immer mehr Fleischbetriebe würden sich von der Verarbeitung der so genannten Stinker zurückziehen. Der Bauernverband und auch die Schweinehalter fordern daher von der Politik praktikable Lösungen und  zudem eine vierte Alternative, so dass der Schweinebauer eine Wahl hat. Abgesehen davon, sind alle Varianten mit erhöhten Kosten verbunden. Für die Nachbarländer, so Wille genannt Niebur, ein Glücksfall. Allein im vergangenen Jahr wurden  elf Millionen Ferkel aus Dänemark und den Niederlanden nach Deutschland importiert. Für sie gelten die neuen Bestimmungen aber nicht. „Diese Ferkel sind zur Miete bei uns. Das sind keine deutschen Ferkel. Sie werden hier lediglich gemästet und als deutsches Schweinefleisch verkauft. Das ist Augenwischerei“, echauffiert sich der Bauer. Ändere sich nichts an den Bestimmungen und müssten Züchter künftig zwischen bis zu acht Euro mehr pro Tier allein für die Kastration ausgeben, sei das der „Tod der deutschen Ferkelproduktion“, betont er.

Kommentar von Katja Müller: Wunsch und Wirklichkeit
Ferkel, die nicht kastriert werden, können stinken. Das kommt bei den Verbrauchern nicht gut an. Bislang wurde das Problem auf zwei Arten gelöst. Ebermast und hinnehmen oder ein kleiner Schnitt mit örtlicher Betäubung. Künftig sollen aber andere Regeln gelten. Allerdings nur für deutsche Bauern mit deutschen Ferkeln. Für sie bedeutet das aber auch höhere Ausgaben. Dadurch sind sie benachteiligt gegenüber der Konkurrenz aus Holland und Dänemark. Die können wie gehabt kastrieren und exportieren – auch nach Deutschland. Ob sich der Verbraucher ab 2019 dann für das „fair kastrierte“ und teurere Schweinefleisch entscheidet, darf bezweifelt werden.
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