Von Mölln nach Pinnow : Sein Trip störte den Weltfrieden

Vor 25 Jahren standen Rainer Jürss und Horst Bauerfeind (r.) schon einmal auf dem Segelflugplatz bei Pinnow. Damals war alles nur viel aufregender. Fotos: Katja Müller
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Vor 25 Jahren standen Rainer Jürss und Horst Bauerfeind (r.) schon einmal auf dem Segelflugplatz bei Pinnow. Damals war alles nur viel aufregender. Fotos: Katja Müller

Mit dem Segelflieger von Mölln nach Pinnow durch den gesperrten Luftraum: Das Wagnis von Rainer Jürss sorgte für Turbulenzen

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01. Juli 2015, 06:00 Uhr

Knapp 70 Kilometer trennen die Segelflugplätze Pinnow und Grambeker Heide bei Mölln. Vor mehr als 25 Jahren  trennte sie noch eine Mauer. Lediglich die Leidenschaft für das Segelfliegen war auf beiden Seiten stets ungebrochen. Und als  am 1. Juli 1990 sämtliche Grenzübergänge öffneten, aus zwei Ländern eins werden sollte, fasste  Rainer Jürss vom Luftsportverein Grambeker Heide einen tollkühnen Entschluss. „Wenn die Grenzen offen sind, dann müssen wir ja nicht nur rüber fahren können, sondern auch fliegen. Das dachte ich damals und beschloss kurzerhand, mit dem Segelflugzeug den Freunden in Pinnow bei Schwerin einen Besuch abzustatten“, erzählt der Möllner. Unter dem Tenor „ein Land – ein Volk“ wagte er dieses  luftige Abenteuer  und war sich der Folgen nicht wirklich bewusst. „Als wir in Mölln gestartet sind, sah es zunächst gar nicht so gut aus. Die Thermik war schwierig, doch wir schafften es hoch genug und dann wurde es immer besser, je näher wir unserem Ziel kamen“, erinnert sich der heute 65-Jährige.

Am Boden in Mölln kannten nur wenige das Ziel von Rainer Jürss und seinem Kompagnon. „Mit Markus Jakubiec hatte ich darüber gesprochen, dass es in Richtung Osten, nach Pinnow geht. Ob wir da ankommen würden, das war bis zum Ende nicht klar. Und plötzlich tauchte  eine MiG 29 neben unserem Segelflieger auf“, erzählt er und amüsiert sich. Heute kann Jürss darüber lachen. Vor 25 Jahren war das noch anders. „Es war ja ganz klar, der Luftraum war noch nicht freigegeben. Plötzlich war unser Segelflieger auf dem Radar der Russen zu sehen und die haben sich natürlich gleich auf den Weg gemacht. Mit der MiG 29“, erzählt der Segelflieger. Aber nicht nur das Kampfflugzeug kam den Segelfliegern über Pinnow nah, auch zwei Kampfhubschrauber wurden losgeschickt, um den Eindringling zu kontrollieren. „Wir hatten damals keinen Funkkontakt. Weder zum Platz in Pinnow noch zum Kampfflugzeug. Wir haben mit den Tragflächen gewackelt, als die MiG auf unserer Höhe war.“ Das sei, so Jürss,   ein internationales Signal und bedeute so viel wie: Ja, wir haben dich gesehen, alles klar.    Jetzt, 25 Jahre später, klingt es aus dem Mund von Rainer Jürss nach einem großen Spaß. Das war es jedoch nicht.

Sekt im Osten, Ärger im Westen

Der Ausflug Richtung Osten  hatte ein Nachspiel.  Nach der Landung    wurden Jürss und Jakubiec von den Pinnowern begrüßt.  Und dazu  gabs noch reichlich Sekt.  Doch es stand auch  die Besatzung eines Kampfhubschraubers auf dem Platz.  „Tja, da standen sie nun, die Russen. Sie konnten kein Englisch, wir kein Russisch. Das war ein sehr mulmiges Gefühl. Doch als einer der Herren mir auf die Schulter klopfte und nur sagte: ,Good. Good’, da fiel mir ein großer Stein vom Herzen“, erzählt er. Dann wurde wieder getrunken und angestoßen –   auch mit den  Polizisten, die die unerwarteten Gäste auch beäugten.  „Dem Osten war unser Flug scheißegal. Nur der Westen hat ein Fass aufgemacht.“

 Kaum zurück in Grambek, rollte das Donnerwetter an. Der Vorwurf der westdeutschen Flugaufsicht: „Sie haben mit diesem Flug  den Weltfrieden in Gefahr gebracht. Sie glauben nicht im Ernst, dass sich die Nato das gefallen lässt.“ Für Jürss stand aber fest: „Alles Blödsinn.“ Trotzdem   hatte sein Ausflug Konsequenzen:  Für den Segelflugplatz Grambeker Heide wurde ein Verbot für Überlandflüge ausgesprochen. Verständnis für diese Auflage hatte der Segelflieger  nicht. Immerhin hatte er von  der Flugsicherung der DDR ein Schreiben mitbekommen, dass aus ihrer Sicht sein verbotener Abstecher keine Folgen nach sich ziehen würde. Doch die Situation entspannte sich nach 20 Tagen. „Da galt das Verbot nicht mehr für alle, sondern nur noch für mich“, sagt der Unternehmer. Und er verhandelte noch einmal. Statt der von der  Staatsanwaltschaft geforderten Strafsumme in Höhe von 2500 D-Mark berappte er letztlich nur 500. Fliege er aber noch einmal unerlaubt Richtung Osten, dann „hätte ich in den Bau gemusst“.

Jetzt, 25 Jahre nach diesem spektakulären Wiedervereinigungsversuch in luftiger Höhe, trafen sich der damalige Pinnower Flugplatzchef Horst Bauerfeind sowie weitere Zeitzeugen auf dem Flugplatz bei Pinnow  mit Rainer Jürss. „Es ist schön, die alten Geschichten noch einmal  mit Leben zu füllen. Aber auch in den vergangenen Jahren war dieser Flug immer wieder Thema. Es ist eine schöne Geschichte, die zum Glück ohne schwerwiegende Folgen blieb. Heute können wir alle darüber lachen“, sagt Jürss und klopft Horst Bauerfeind freundschaftlich auf die Schulter.

In der Serie  „Zeitreise“ des NDR gibt es heute eine  Sendung über das Wiedersehen nach 25 Jahren, sie beginnt  um 18 Uhr. Am 5. Juli  wird sie noch einmal  ab 19.30 Uhr im NDR „Nordmagazin“ gezeigt.

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