zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

17. August 2017 | 23:39 Uhr

Alte Kunst : Seidenzucht im Buchenweg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rita Schlaet aus dem Buchenweg und Volker Janke vom Freilichtmuseum züchten Seidenraupen

Sie krabbeln erstaunlich schnell, aber nicht besonders weit. Sie recken ihre Köpfe in die Höhe, dass es fast so aussieht, als würden sie die Gegend erkunden. Was sie aber am liebsten und besten tun, das ist fressen, fressen und fressen. Rita Schlaet ist absolut fasziniert von den Tierchen, die sie seit einigen Jahren schon in einem ausgedienten Vogelkäfig züchtet: Seidenraupen, genauer gesagt Maulbeerspinner oder auch Bombyx mori. Ein SVZ-Bericht über ein ungewöhnliches Projekt im Freilichtmuseum Mueß hatte sie auf die Idee gebracht – und die Erinnerung an Geschichten ihrer Schwiegermutter aus den Nachkriegsjahren. Die hatte nämlich in genau dem Haus und Garten im Buchenweg, in dem Rita Schlaet heute noch lebt, damals Seidenraupen gezüchtet und die kostbaren Kokons verkauft. Doch obwohl Seidenraupen recht anspruchslos in Vogelkäfigen oder auf Dachböden zu halten sind – unter freiem Himmel würden sie sofort von Vögeln gefressen – , gibt es eine Grundvoraussetzung, die nicht ganz so einfach zu erfüllen ist: Seidenraupen brauchen Maulbeerblätter in Hülle und Fülle. Im Buchenweg bei Familie Schlaet steht eine gut 80 Meter lange, prächtige Hecke, aus der die rund 100 Raupen, die Rita Schlaet aktuell besitzt, problemlos schlemmen können.

„Ich habe die Raupen auch für meine Enkel geholt“, sagt Rita Schlaet, die gemeinsam mit der übernächsten Generation gerne vorm Käfig sitzt und staunt, wie schnell die Tiere wachsen, wie sie sich mehrfach häuten, dann einspinnen, wie die flugunfähigen Motten schlüpfen, nur wenige Tage herumflattern, wieder Eier legen und schließlich sterben. Dann beginnt der Seiden-Kreislauf von vorne. „Es gibt meines Wissens nach kein Tier, an dem man so viel Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Landeskunde und Biologie unterrichten kann“, schwärmt auch Volker Janke vom Freilichtmuseum Mueß, der in der Seidenraupenzucht mittlerweile ziemlich versiert ist. Mehrere hundert Raupen in verschiedenen Stadien der Häutungen leben zurzeit im Freilichtmuseum im Raupenstall in der Schulscheune, also direkt neben dem Dorfschullehrergarten. Letzterer war vor Jahren auch schuld daran, dass Volker Janke überhaupt die Seidenspinner nach Mueß holte. In einem historischen Ratgeber wird dem Lehrer nämlich die Seidenzucht empfohlen und genau erklärt. Das Freilichtmuseum setzte diese Empfehlungen einfach um. Seitdem können sich Schulklassen und andere Interessierte über das Leben der Tiere und die Seidenproduktion in Mecklenburg informieren. „Bis etwa 1967 gab es in Mecklenburg mehrere private Zuchtstationen, zuletzt in Güstrow“, berichtet Volker Janke. „Die Kokons wurde sämtlichst zur Spinnhütte nach Plauen geschickt und erst dort weiter verarbeitet.“ Wie so ein Seidenfaden vom Kokon abgezogen wird, auch das können Interessierte sich in Mueß anschauen. Auch Rita Schlaet und ihre Enkel versuchen manchmal vorsichtig an den Kokons zu zupfen und einen der winzigen Fäden zu erwischen. Mehr Spaß macht es ihnen allerdings noch, mit den Raupen selbst zu spielen, sie sich auf die Nase zu setzen oder über die Hand kriechen zu lassen. „Das kitzelt noch nicht einmal, man kann ihre Berührung kaum spüren“, sagt Rita Schlaet.

Von Ende Mai bis in den Herbst hinein hat Familie Schlaet Spaß mit den Raupen – so lange, wie die Maulbeerhecke in ihrem Garten am Buchenweg Blätter trägt.


Karte
zur Startseite

von
erstellt am 26.Jun.2014 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen