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Schicke Damenhandtaschen aus Handarbeit : Schwerins letzter Feintäschner

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An manchen Tagen schmerzen seine Fingerkuppen. Erhard Elwers sitzt auf seiner Couch im Wohnzimmer und hat ein Stück Leder in der Hand. Wer genau hinsieht, kann schon erkennen, was daraus einmal werden soll.

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erstellt am 14.Feb.2012 | 05:24 Uhr

Weststadt | An manchen Tagen schmerzen seine Fingerkuppen. Erhard Elwers sitzt auf seiner Couch im Wohnzimmer und hat ein Stück Leder in der Hand. Wer genau hinsieht, kann schon erkennen, was daraus einmal werden soll. Mit einer dicken Nadel zieht er einen einen Sisalfaden durch das Leder - Loch für Loch. Die Löcher sind akkurat, nur ab und zu gibt es mal eine kleine Unebenheit, doch oftmals sind sie im gleichen Abstand zueinander. Was leicht aussieht, ist alles andere als einfach, wie der 50-Jährige aus Erfahrung weiß. In Schwerin ist Elwers der einzige Sattler und Feintäschner, der noch per Hand arbeitet und ohne Maschine. Deshalb kann er nicht jeden Tag an seinen Taschen, Gürteln und Geldbörsen arbeiten, da seine Fingerkuppen zu sehr schmerzen. "Diese Arbeit hat zwar auf mich eine beruhigende Wirkung, doch anstrengend ist es dennoch. Mein Gefühl in den Finger verschwindet irgendwann", erklärt der Facharbeiter für Lederwaren.

Viele Jahre arbeitete Elwers in Neustadt-Glewe bei der Lederfabrik - bis das Unternehmen schließen musste. Seit zehn Jahren lebt er jetzt in Schwerin. Einfach ist es nicht, denn seine Waren werden kaum gekauft - zu teuer für die Schweriner. "Meine Taschen oder Gürtel sind aus naturgegerbtem Leder und alles Handarbeit. Das kostet eben." Bis zu 300 Euro muss ein Kunde schon mal auf den Tisch legen, wenn er bei Handarbeit Elwers eine Umhänge tasche kaufen will. Doch das machen die wenigsten. "Leben könnte ich davon nicht. Die Aufträge reichen dafür nicht aus", so Elwers. Günstiger würden die Taschen, wenn er mehrere von der gleichen Art und mit der Maschine nähen würde, doch das will der 50-Jährige nicht. Denn dann verliere er seine Identität. "Das bin dann nicht mehr ich", verdeutlicht Erhard Elwers. Seit einigen Jahren ist der Handwerker arbeitslos. Ein bisschen verdient er sich nebenbei, bei einem Tischler. Von dem Firmenchef bekommt er auch immer mal wieder Holz, aus dem Elwers Armbrüste baut. "Damit habe ich angefangen, mit Schnitz- und Holzarbeiten." Zahlreiche dieser Waffen hängen bei ihm an den Wohnungswänden. Alles Unikate, genauso wie seine Taschen und Geldbörsen. Die Ideen entstehen einfach, sagt er. Nicht nur die Taschen näht er von Hand selbst, sondern auch die Verschlüsse fertigt der Schweriner aus Bronze an. Dabei macht sich der Feintäschner viel Mühe. "Mir hat mal eine Frau gesagt, dass die Tasche Diebe anziehen würde, deshalb habe ich mir etwas anderes für den Verschluss überlegt." Jetzt sind alle seine Stücke diebstahlsicher. Unter dem Umschlag befindet sich jetzt der Verschluss, der zunächst geöffnet werden muss, um an den Inhalt zu kommen. "Ich lege auch großen Wert darauf, dass meine Verschlüsse alle ein Geräusch machen", sagt Elwers.

Auch wenn er manchmal auf einer Bestellung sitzen bleibt, macht er weiter. "Die Arbeit bringt mir immer noch Spaß. Mich beruhigt es einfach." Ab und zu mal kommen auch Kunden zu ihm, die etwas repariert haben wollen. "Oftmals schickt der Schuster mir seine Kunden, weil er die Nähte nicht so sauber hinbekommt." Doch Elwers muss diese oft wieder wegschicken. Zu teuer würde es dem Kunden kommen, wenn der Feintäschner eine Aktentasche repariert. "Flicken kann ich die Nähte häufig nicht. Ich müsste den ganzen Faden herausziehen und neu nähen. Das kostet zu viel."

Alle seine Stücke fertigt Erhard Elwers aus Rindsleder an - in verschiedene Stärken und Farben. Das sei das Besondere an seinem Handwerk. "Ich kann kreativ sein und nichts ist irgendwo abgekupfert." Auch wenn der Feintäschner nur wenig verkauft, will er weiter machen, bis alle seine fertigen Stücke verkauft sind. Unterstützt wird er nicht nur von seinen Schwestern, die ihm das Leder bezahlen, das er aus Dresden bekommt, sondern auch vom Diakoniewerk Neues Ufer. "Ich habe wieder eine Einladung für das Uferfest am 12. Mai bekommen. Ich muss keine Standgebühr bezahlen." Das hilft dem einzigen Sattler und Feintäschner aus Schwerin schon ein bisschen. Bis dahin arbeitet er weiter - an der neuen Taschen.

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