Eklat in Critvitzer Stadtvertretung : Schwere Vorwürfe und Tränen

Crivitzer Bürger machen Straftaten öffentlich und fordern den Rücktritt von Alexander Gamm: Stadtvertreter erklärt sich und bleibt im Amt

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04. April 2017, 21:00 Uhr

Dass es in der Crivitzer Stadtvertretung oft hitzige Debatten gibt, ist nicht neu. So emotional wie jetzt war es allerdings noch nie. Schwere Vorwürfe gegen Stadtvertreter Alexander Gamm kursieren seit einiger Zeit durch die Stadt. Flugblätter und Briefe wurden anonym an zahlreiche Haushalte verteilt. Der Inhalt ist brisant. Gamm sei verurteilt wegen schwerwiegender Straftaten aus verschiedenen Bereichen, die verbüßt seien. Die liegen allerdings Jahre, teilweise Jahrzehnte zurück. Somit haben sie rechtlich jetzt keine Relevanz mehr. Die Verfasser fordern den Rücktritt des Stadtvertreters und die Amtsniederlegung der Bürgermeisterin Britta Brusch-Gamm, seiner Ehefrau. Beide bezogen am Montagabend Stellung. Alexander Gamm gab den Abgeordneten und anwesenden Bürgern im Wessiner Gemeindesaal eine persönliche Erklärung gleich zu Beginn der Sitzung. „Es ist wahr, dass ich in der Zeit von 1994 bis 2000 getrunken habe. Am Anfang war es täglich eine Flasche Schnaps“, las er vor. Frei reden, so Gamm, sei ihm nicht möglich. Zu sehr nehmen ihn die „Beschuldigungen und Verleumdungen“ mit. Der Crivitzer Stadtvertreter räumte weiterhin ein, dass in der angegebenen Zeit „viel passiert“ sei. Seine Trunkenheit habe viel zerstört. Aber er stehe heute zu seiner Schuld. Aus seiner ersten Ehe habe er eine Tochter, die mittlerweile 15 Jahre alt ist. Zum Schutz des Kindes wolle er sich zu Details der Strafen nicht äußern. Nachdem er seine jetzige Frau kennengelernt habe, sei sein Leben neu geordnet worden. „Für das, was ich getan habe, bin ich vor 20 Jahren bestraft worden. Meine Frau hat mit alldem nichts zu tun“, betont Alexander Gamm. Er habe sein Leben „von Grund auf geändert“, schiebt der 49-Jährige hinterher. Habe studiert, dem Alkohol abgeschworen.

Anfang 2016 stand Gamm jedoch erneut vor Gericht, wegen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen. Er wurde schuldig gesprochen, hat nach eigenen Worten Widerspruch erhoben.

Alexander Gamm habe überlegt, sein Amt niederzulegen, sich aber nach Beratungen mit der Familie und Freunden dagegen entschieden. Von einigen Bürgern gab es dafür Applaus. Von anderen Kopfschütteln. „Hast du noch die Eigenschaften und Fähigkeiten, die eines Stadtvertreters würdig sind? Es geht um Vertrauen“, fragte Karina Reinke. Eine Antwort gab es nicht. Zudem kam der Vorwurf von Hardy Ulrich, dass Gamm sich zu spät erklärt und zudem durch sein Verhalten in der jüngsten Zeit – Wutausbrüche in Sitzungen und Beleidigungen von Amtspersonen – keine Vorbildfunktion mehr habe. Als Vorsitzender des Kulturausschusses, als Mitglied des Amtsausschusses und als Stadtvertreter habe er die kommunalpolitische Glaubwürdigkeit verloren. Doch es gab auch Für-Sprecher. So meldete sich eine Bürgerin und erklärte, dass sie nicht verstehen kann, warum jemand, der seine Strafe verbüßt habe, so vorgeführt werde. „Ich habe Drogen genommen. Bin betrunken Auto gefahren. Darf ich deswegen keine Stadtvertreterin werden?“, fragte Anna Schade. Antworten blieben auch hier aus. Für das Amt eines Stadtvertreters sei es nicht notwendig, ein polizeiliches Führungszeugnis einzureichen. „Was Alexander Gamm vorgeworfen wird, ändert rechtlich nichts an seiner Wählbarkeit“, erklärt Amtsvorsteherin Heike Isbarn auf Anfrage der Redaktion.

Kommentar "Zweite Chance gibts nicht einfach so" des Autors

Politik ist ein zuweilen schmutziges Geschäft. Vor jeder Wahl wird bekanntlich auf  viele gute Tugenden Wert gelegt. Da ist Transparenz nur ein Schlagwort. Und genau an der scheitern nicht nur die großen Politiker,  sondern manchmal holt die Vergangenheit auch die kleinen ein. Geschehen  jetzt in Crivitz. Sicher muss  sich kein Kandidat völlig vorm Wähler entblößen. Aber wer die sprichwörtlichen Leichen im Keller hat, muss auch damit rechnen, dass jemand kommt und sie ausgräbt. Ob das immer fair ist? Sicher nicht. Doch auch das muss eine Demokratie aushalten. Um mögliche Pleiten und Pannen zu vermeiden, hilft  nur: Offenheit und Ehrlichkeit. Besonders  wenn es um eine zweite Chance geht.
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