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Kein Ticket: Ab zur Polizei : Schwarzfahrt-Thema bewegt die Leser

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zahlreiche Reaktionen in der Redaktion und im Internet zum Umgang von Kontrolleuren und Polizei mit Minderjährigen ohne gültigen Fahrschein

svz.de von
erstellt am 24.Jan.2014 | 08:00 Uhr

Muss ein Kind ohne gültigen Fahrschein allein in einem verschlossenen kargen Raum bei der Polizei auf seine Eltern warten? Ist es dem Heranwachsenden psychisch zuzumuten, sich dafür von allen persönlichen Sachen trennen zu müssen? Die Schilderung des Falls eines 14-jährigen Mädchens in unserer Zeitung, die nur einen Kinderfahrschein entwertet hatte, seit ihrem 14. Geburtstag aber volle 1,50 Euro hätte zahlen müssen, und bis zum Eintreffen der Mutter in einem „Jugendverwahrraum“ im Polizeirevier warten musste, bewegt unsere Leser. Zahlreiche Anrufe und E-Mails erreichten unsere Redaktion, auch im Internet wird eifrig diskutiert.

„Dieser Fall muss dringend untersucht werden. Es gilt zu klären, wie mit Kindern und Jugendlichen verfahren werden darf, die mit oder ohne Absicht zu Schwarzfahrern geworden sind“, so der Schweriner Kinderschutzbund. „Die Mitnahme einer Minderjährigen auf die Polizeiwache zur Feststellung der Identität darf nur unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit erfolgen und ist auch nur dann zulässig, wenn andernfalls eine Gefahr für erhebliche Rechtsgüter droht. Diesen Grundsatz hat die Polizei gleich mehrfach verletzt.“ Nach Auffassung des Kinderschutzbundes wäre es zielführend und ausreichend gewesen, hätte die Polizei die Schülerin nach Hause gefahren und sich dort den Schülerausweis zeigen lassen. Bringt man die Schülerin jedoch zur Polizeidienststelle, hätte man sie des Weiteren dort in die Obhut einer Polizistin geben müssen, die sich persönlich bis zum Eintreffen der Kindesmutter um das Wohl der Schülerin hätte kümmern müssen. Und: „Die vorangegangene Durchsuchung und das Abtasten der Schülerin sind kindeswohlgefährdend und entbehren jeder gesetzlichen Grundlage.“

Diese Meinung teilen viele Leser. „Eine kurze Ermahnung hätte es ja auch getan! Das notwendige Feingefühl der Kontrolleure lässt sehr zu wünschen übrig. Ein Fahrschein war ja gelöst“, so Martina Heitmann, die ohnehin Familienfreundlichkeit in Schwerin vermisst. Für Jörg Radloff steht fest: „Diese rüden Methoden sind gängige Praxis. Und wenn, wie in unserem Fall, eine 12- Jährige von zwei Polizisten in Gewahrsam genommen wird und zwei Stunden auf dem Revier festgehalten wird, bevor die Oma informiert wurde, um sie dann auszulösen, da fehlen mir auch heute noch die Worte.“ Und Katrin Knaak schreibt: „Beim Lesen des Artikels kriegen wir Gänsehaut und können uns vor Empörung kaum halten, egal wo ich darüber rede, im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis. Wenn ich lese, dass ein 14-jähriges Mädchen abgetastet wird, frage ich mich zuerst, von wem und warum. Ich bin schockiert, befinden sich doch gerade diese Mädchen in der Pubertät und was das bedeutet, muss ich nicht erklären.“

Mehr Fingerspitzengefühl fordert Dr. Reiner Pohl: „Gesetze und Vorschriften sind sinnvoll auf den Einzelfall anzuwenden. Dem entsprechend haben wir vor Gericht die Einzelfallbeurteilung und nicht das sklavische Abarbeiten einer Checkliste. Offensichtlich fehlt diese Einstellung bei vielen Behördenvertretern, nicht nur bei der Polizei. Es ist ja auch bequem, sich auf Vorschriften zurückziehen zu können.“

Für Doreen Kujanek war es ohnehin eine Überreaktion: „Hier hätte wirklich die Nachzahlung des Differenzbetrages oder eine Verwarnung gereicht, wenn überhaupt, denn einen Fahrschein hatten die Mädchen doch. Ich finde es unverantwortlich, dass man das Mädchen wie einen Schwerverbrecher behandelt hat.“

„Ich betreibe seit Jahren eine Bed & Breakfast Pension in Schwerin und meine Gäste haben schon öfter schlechte Erfahrungen mit den Kontrolleuren des Nahverkehrs gemacht“, berichtet Andrea Darsow. „Ein über 70-jähriges Ehepaar aus Sachsen, das bei der Kontrolle zwei nicht abgestempelte Fahrscheine vorwies, wurde so ,heruntergeputzt‘, dass die Frau in Tränen ausbrach. Bei ihnen zu Hause sind mit dem Ziehen des Fahrscheins diese entwertet – wie jetzt ja neuerdings bei uns auch. Originalton des Ehemannes: ,Ich wurde behandelt wie ein Verbrecher, obwohl ich mein Leben lang ein unbescholtener Bürger war.‘ Meine Gäste haben einen wirklich schlechten Eindruck von der Schweriner Freundlichkeit mit nach Sachsen genommen. Ich habe mich fremd geschämt.“ Das Fazit der Unternehmerin: „Ein bisschen mehr Verständnis und Freundlichkeit im Alltag würden uns allen gut stehen und das Leben leichter machen.“

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