zur Navigation springen

in den Jugendverwahrraum : Schwarzfahrt ins Polizeirevier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn Minderjährige ohne gültigen Fahrschein in Bus oder Bahn erwischt werden, müssen sie oftmals erst einmal in den „Jugendverwahrraum“

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2014 | 21:30 Uhr

„Ich bin entsetzt über den Umgang der Polizei und des Schweriner Nahverkehrs mit Besuchern und Gästen der Landeshauptstadt“, empört sich Kerstin M.* Denn die Mutter aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim musste vor wenigen Tagen ihre Tochter bei der Polizei „auslösen“. Was war passiert?

Die 14-Jährige war mit ihrer ein Jahr jüngeren Freundin in Schwerin unterwegs, während die Mutter beim Arzt auf die Behandlung wartete. In der Straßenbahn hatten die beiden ihre Kinderfahrscheine ordnungsgemäß entwertet, als die Kontrolleure kamen. Das Problem: Die 14-Jährige hätte einen normalen Einzelfahrschein benötigt. Die Kontrolleure stiegen mit dem Mädchen am Bahnhof aus – der falsche Fahrschein wurde als Schwarzfahrt gewertet. Die 13-jährige Freundin kam mit. Die alarmierte Polizei nahm aber nur die 14-Jährige mit aufs Revier. Im Amtsdeutsch: Verdacht auf Erschleichung einer Leistung.

Als der Anruf der Polizei die Mutter erreichte, verließ sie sofort die Praxis und eilte zum Schweriner Hauptrevier in die Graf-Yorck-Straße. Dort wartete die nächste Überraschung, wie es die Mutter gegenüber unserer Redaktion schilderte: Ihre Tochter war „wegen angeblicher Schwarzfahrt, also einer Straftat, in Gewahrsam genommen worden“, erfuhr ich. „Die Polizei hatte sie durchsucht, abgetastet und in eine Zelle gesperrt.“ Erst nachdem die Identität der 14-Jährigen zweifelsfrei geklärt war, konnten Mutter und Tochter die Polizei verlassen.

„Es bleiben nachhaltige traumatische Erinnerungen an die Polizei und an ein gastunfreundliches Schwerin“, lautet das Fazit von Kerstin M. „Ich möchte nicht, dass auch andere Kinder und Jugendliche solch eine Willkür erfahren und werde deshalb auch rechtliche Schritte einleiten.“ Hinzu käme, dass das Vertrauen ihrer Tochter zur Polizei „nach diesem Erlebnis in Frage gestellt“ sei.

Dabei sei fast alles ein völlig normaler – und leider auch nicht seltener – Vorgang, erklärt Polizeisprecher Steffen Salow gegenüber SVZ. Wenn die Kontrolleure im Schweriner Nahverkehr ein Kind oder einen Jugendlichen ohne gültigen Fahrschein erwischen, die noch keinen Ausweis haben, müsse zuerst die Identität des Heranwachsenden geklärt werden. Und dafür brauchen die Kontrolleure die Polizei. „Es besteht dann für uns ein Strafverfolgungszwang. Die Beamten müssen die Identität klären und können nicht von sich aus sagen, das war ja nicht so schlimm, wir machen da mal nichts“, beschreibt Salow anschaulich. „Nur die Staatsanwaltschaft kann das Verfahren einstellen.“

Für solche Fälle gibt es im Polizeihauptrevier auf dem Dreesch eigens einen so genannten Jugendverwahrraum. „Das ist ein Zimmer, ohne vergitterte Fenster im Übrigen, das rein gar nichts mit einer Zelle zu tun hat“, schildert der Polizist. In diesem Raum müssten die Kinder und Jugendlichen warten, bis ein Erziehungsberechtigter die Identität zweifelsfrei bestätigen kann. Und auch wenn es sich dabei um keinen Arrest handele, müsse die Sicherheit garantiert sein. Deshalb müssen die Kinder und Jugendlichen vorher alle persönlichen Sachen abgeben.

Als dann jedoch die Mutter eintraf, wurde der eigentliche Routinefall speziell, erklärt Polizeisprecher Salow. Die Frau sei sehr laut und aufgebracht gewesen, erklärt der Beamte auf Nachfrage unserer Redaktion. Die Folge: Eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung liegt nun neben der Anzeige gegen die Tochter wegen der Schwarzfahrt ebenfalls auf dem Tisch der Schweriner Staatsanwaltschaft.

Dabei wäre das nicht notwendig gewesen. Es gibt die Möglichkeit, sich gleich direkt beim Revierleiter zu beschweren, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. „Das hätte eine detaillierte Prüfung des Vorgangs nach sich gezogen“, sagt Salow. Ohnehin rät der Polizeibeamte trotz aller verständlicher Aufregung, wenn der Anruf der Polizei kommt, zu Ruhe und Besonnenheit. Um die Anzeige wegen der Schwarzfahrt käme man ohnehin nicht herum. In der Regel würde die Staatsanwaltschaft das Verfahren aber wegen Geringfügigkeit einstellen. Nach Bezahlung der Strafe sei der Betroffene auch weiterhin nicht vorbestraft. Das sei allemal besser als Beamtenbeleidigung, eine Ohrfeige fürs Kind oder Bestechungs-Pralinen für die Polizei.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen