Lützow : Schumachers Revier

Bernd Schumacher vor der Polizeistation in Lützow: Hier arbeitet er seit 14 Jahren.
Bernd Schumacher vor der Polizeistation in Lützow: Hier arbeitet er seit 14 Jahren.

Erst Hamburg, jetzt Lützow: ein Leben für die Polizei

svz.de von
02. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Das Amt Lützow-Lübstorf, das sind 15 Gemeinden mit rund 13 000 Einwohnern. Bernd Schumacher kennt zwar nicht alle Einwohner, dafür aber alle Straßen und Schleichwege. Der Polizeioberkommissar ist seit 14 Jahren in der Provinz im Dienst. Wie es in einer Metropole zugeht, das weiß er aber auch zur Genüge.

An seinem zweiten Arbeitstag hätte Bernd Schumacher fast geheult. Ein Vorgesetzter drückte dem 17-jährigen Polizeianwärter eine Kelle in die Hand: „Regel mal den Verkehr.“ Ein Unfall in der Hamburger Innenstadt. Sechsspurige Hauptstraße. Autos, überall nur Autos. Chaos. Der Polizei-Frischling mittendrin. „Ich wollte in diesem Moment einfach nur nach Hause, zurück in mein Dorf bei Ratzeburg.“

Aller Anfang ist schwer, doch mittlerweile hat Bernd Schumacher fast 38 Dienstjahre und so viele Beförderungen hinter sich, dass er sich Polizeioberkommissar nennen darf. Besetzte Häuser in der Hafenstraße, Demos gegen die Startbahn West, Drogenkriminalität auf der Reeperbahn – sein Revier ist schon lange nicht mehr der Hamburger Großstadt-Dschungel. Erst ging es 1993 nach Schwerin, sieben Jahre später aufs Land. Drispeth, Wodenhof oder Kaeselow, das waren nun seine Einsatzorte. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt er. Zurück in ein Großstadtrevier, das wolle er nicht mehr.

Polizeistation Lützow. Pokrenter Straße. Bernd Schumacher sitzt in seinem Büro, das so großzügig geschnitten ist, dass dort noch viel mehr Beamte Platz finden könnten. „Als ich im Jahr 2000 hier anfing, da waren wir hier auch noch zu viert“, sagt Schumacher. Die Strukturen haben sich längst verändert, die Kollegen arbeiten in anderen Dienststellen und Bernd Schumacher hält die Stellung im Amtsbereich Lützow-Lübstorf.


Streit schlichten und Präventionsarbeit leisten


Besuch bekommt er auch, denn dienstags und donnerstags gibt es Sprechzeiten für die Bürger. Und manchmal bittet der Polizist in seinem Büro auch zum „Runden Tisch“. „Eigentlich ist er ja eckig“, sagt Bernd Schumacher. Ein zu lauter Rasenmäher. Ein Ast, der zu weit auf dem Grundstück des Nachbarn hängt. Ein Zaun, dessen Pfähle schon im Boden des Anrainers stecken. „Gerade bei den vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten geht es oft verbissen zu. Doch manchmal kann ein Gespräch schon die Wogen glätten“, weiß Bernd Schumacher. Noch besser ist es, wenn Probleme erst gar nicht auftauchen. Präventionsarbeit an der Grundschule zum Thema Gewalt, Infonachmittag in Sachen Betrugsvorbeugung in einer Seniorenrunde – auch das gehört zu Schumachers Aufgabengebiet. Und da seine Station zum Polizeirevier Gadebusch gehört, hält er diese auch auf dem Laufenden, wenn in seinem Beritt zum Beispiel Veranstaltungen anstehen, bei denen die Polizei gerne Präsenz zeigen würde.

Zweifelsohne, im Gegensatz zu den 16 Hamburger Dienstjahren geht es für Bernd Schumacher in Lützow und Umgebung ruhiger zu. Aber ausgerechnet im verschlafenen Perlin musste Schumacher das machen, was er in seiner Zeit in der Hansestadt nie machen musste: zur Waffe greifen.

2008. Bäderdienststreife auf dem Campingplatz in Perlin. Zwei Fahrzeuge sollen untersucht werden. Die Fahrer der Autos geben Gas, eines streift Bernd Schumacher. Der Beamte nimmt die Verfolgung auf. Es geht über ein Getreidefeld. Der Fahrer flieht später zu Fuß, versteckt sich. „Ich war alleine, da gilt es, das Risiko abzuwägen. Der Mann hat sich versteckt, ich habe einen Warnschuss in die Luft abgegeben“, erinnert sich Schumacher. Der Mann stellt sich. Später kommt heraus, das er erst kurz zuvor aus der Haft entlassen worden und der Wagen voller Diebesgut aus Kioskeinbrüchen war. Zudem war das zweite Fluchtauto zuvor als gestohlen gemeldet worden.

Es gibt Momente im Leben eines Polizisten, die sind nur schwer zu verdauen. Angehörigen eines Unfallopfers eine Todesnachricht zu überbringen gehören dazu. Bernd Schumacher kennt diese Momente. Und er kennt auch den Moment, wo er selbst bedroht wurde. „Ich finde heraus, wo du wohnst. Dann geht es dir und deiner Familie schlecht“, hatte ihm ein Straftäter angedroht. „Das muss man wegstecken und verarbeiten“, sagt der 54-Jährige. Bereut habe er seine Jobwahl nie, und könnte er heute noch einmal seinen Berufsweg bestimmen, „dann würde ich wieder Polizist werden wollen“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen