Stadtgeschichte : Schule steht für „Goldene 20er“

In der Bildmitte ist der Bauhausstil des Hamann-Baus noch gut zu erkennen.
In der Bildmitte ist der Bauhausstil des Hamann-Baus noch gut zu erkennen.

Zweimal erweitert zeigt das Gebäude der heutigen Niklot-Schule noch typische Architektur-Elemente der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

von
24. November 2014, 12:00 Uhr

Neugierige haben sich jüngst ein Bild von der Beruflichen Schule Wirtschaft und Verwaltung am Obotritenring gemacht. In der Niklot-Schule lernen junge Erwachsene heute, wie sie das Schwungrad der Wirtschaft, des Handels und der Verwaltung am Laufen halten. Nur wenigen ist dabei bewusst, dass sie in einem historischen Gebäude der Landeshauptstadt lernen, das auch einen Eindruck der „Goldenen“ 20er-Jahre gibt – einer Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft, die mit der Weltwirtschaftskrise 1929 endete. Die Niklot-Schule zeigt typische Elemente der Bauhaus-Architektur.

Die Schweriner Schule stammt aus der Feder des ersten Stadtplaners, der fest in der Verwaltung Schwerins angestellt war – des Architekten Andreas Hamann (1884-1955). „Die Art der Gliederung der Fassade allein durch die Anordnung und Betonung der Fenster, die ansonsten glatte und ungeschmückte Fassade und das Flachdach gehören zu den typischen Elementen“, erklärt Jörg Moll vom Stadtarchiv. Auf den beiden Längsseiten würden die schmalen, durch keramische Elemente eingefassten Treppenhausfenster einen optischen Gegenpart bilden. „Zu den einzigen kleinteiligen Zierelementen der Fassade gehören die Fenster- und Türfassungen am Haupteingang und an den Treppenhausfenstern“, so Moll weiter. „Die gebrannte und glasierte Keramik zählt in dieser speziellen Form zu den typischen Gestaltungselementen der 20er-Jahre.“

Nicht erst heute, schon damals war Schulraum knapp. Der Stadtschulrat Schröder hatte im Juli 1926 fehlende Räume und Gebäude vermerkt, wie Archivar Moll berichtet. Der Stadtrat beschloss im August, das Stadtbauamt, in dem Architekt Hamann angestellt war, mit Vorarbeiten für ein neues Schulgebäude zu beauftragen. Der Auftrag wurde von der Stadtverordnetenversammlung einen Monat später bestätigt. Bereits im Januar darauf legte Hamann erste Entwürfe vor: 20 Klassenräume, ein Zeichensaal, eine Turnhalle und Büroräume. Kosten für den Neubau: 760 000 bis 800 000 Reichsmark.

Bevor der Bau genehmigt werden sollte, besuchte eine Kommission im September 1927 Hannover, Bremen, Köln, Münster und Oldenburg. Sie verglich Turnhallen, Schulgärten, Lehrmittelräume, Studienwohnungen, Baderäume und Toiletten miteinander. Die Ergebnisse wurden in die bestehenden Pläne eingearbeitet mit dem Ergebnis, dass die Kosten im Endeffekt auf mehr als eine Million Reichsmark anstiegen. Hamann besichtigte noch ähnliche Projekte in Rostock und Wismar und stellte zwei neue Entwürfe vor. „Dazu gibt es im Stadtarchiv eine Mappe farbig angelegter Skizzen“, erzählt Jörg Moll.

Schon in den 20er-Jahren ist großer Aufwand betrieben worden, um in Schwerin eine moderne, zeitgemäße Schule zu errichten. Der damalige Hamann-Bau reichte nicht lange aus und wurde zweimal erweitert. 1957/58 schloss sich ein dreigeschossiger Anbau von Heinrich Handorf an den hofseitigen Flügel des Hamann-Baus an. „Dann wurde in den Jahren 2002 bis 2005 ein zweiter Anbau errichtet, ebenfalls dreigeschossig, jedoch mit Staffelgeschoss, der an den straßenseitigen Flügel anschließt“, sagt Jörg Moll. Architekt Frank Kessler aus dem Schweriner Büro Kessler-Mikolaiczik-Ohse versah den ersten Gebäudeteil ebenfalls mit einem Staffelgeschoss. Wer ein Auge für Architektur besitzt, erkennt noch heute den ersten Gebäudeteil im Bauhausstil aus der Feder von Andreas Hamann.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen