Schwerins Geschichte : Schüler spitzeln an Goetheschule

 Stasi-Unterlagen-Behörde in Görslow . An manchen Samstagen öffnen sich die Archiv-Türen.
Stasi-Unterlagen-Behörde in Görslow . An manchen Samstagen öffnen sich die Archiv-Türen.

Mindestens elf IM waren in den 50er-Jahren an der Oberschule aktiv

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03. April 2017, 05:00 Uhr

„Die Staatssicherheit der DDR ist immer noch ein Thema bei vielen Bürgern“, sagte die Leiterin der Stasiunterlagen-Behörde, Corinna Kalkreuth. „Wegen der großen Nachfrage im Jahr 2016 setzen wir deshalb in diesem Jahr unsere Reihe „Samstag im Archiv“ fort. An diesem Wochenende war es wieder soweit. Der Historiker Henrik Bispinck sprach über seine Forschungsergebnisse zur Tätigkeit der Stasi an der Schweriner Goetheschule in den 1950er-Jahren.

„Warum muss man immer noch tiefer in dem Thema rumwühlen“, fragte ein Besucher, dessen Vater nach seinen Angaben 15 Jahre lang Direktor der Goetheschule war. „Man sollte sich lieber um die Verfolgung der FDJ durch die Adenauer-Regierung kümmern.“ Siegfried Fischer sah das anders. Er hat 1953 an der Goetheschule sein Abitur gemacht. „Ich will mehr darüber wissen, was damals hier gelaufen ist.“

Dabei hat Fischer etliches hautnah miterlebt. „Kurz vor dem Abitur wurden einige Mitschüler von der Schule geworfen.“ Mit fadenscheinigen Begründungen. Mal war es die Mitarbeit in der Jungen Gemeinde, mal wurde den jungen Leute die „Erkundung des Grenzgebietes“ vorgeworfen. „Einige konnten acht Wochen später das Abitur nachmachen – wenn sie noch in Schwerin und noch nicht in Westberlin waren“, erinnert sich Siegfried Fischer.

Doch Henrik Bispinck hat herausgefunden, dass es viel schlimmer kommen konnte. „Für das Verteilen von Flugblättern beispielsweise, sind Schüler zu 25 Jahren Erziehungslager verurteilt worden. Die mussten sie nicht nur in der DDR absitzen, sondern manche auch im russischen Workuta am Polarkreis.“

In den 50er-Jahren wollte die Staatssicherheit alles wissen, was an der Schule passierte. Dafür hatte sie mindestens elf Inoffizielle Mitarbeiter an der Oberschule: Schüler, Lehrer und in einem Fall auch den Vater eines Schüler, hat Henrik Bispinck herausgefunden. Die berichteten über Fahrten von Schülern nach Westberlin, über Äußerungen im Unterricht, Verbindungen in den Westen. „Meist waren es kurze, handschriftliche Berichte der IM“, sagt Bispinck.

Siegfried Fischer kamen die Erinnerungen an seine Schulzeit hoch. „Damals waren wir am Ende froh, nicht erwischt worden zu sein.“

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