SCHWERIN : Schon sechs Zentimeter geschafft

Die schwierige Therapie schweißt die Familie zusammen und zeigt auch, wie hilfsbereit viele Menschen sind: Eckard, Leonie und Silke Völkner schauen optimistisch in die Zukunft.
Die schwierige Therapie schweißt die Familie zusammen und zeigt auch, wie hilfsbereit viele Menschen sind: Eckard, Leonie und Silke Völkner schauen optimistisch in die Zukunft.

Leonie Völkners Bein soll mit schmerzhafter Behandlung elf Zentimeter länger werden – SVZ besuchte die 13-Jährige zum zweiten Mal

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25. Januar 2016, 12:00 Uhr

Der 18-Kilogramm schwere Fixateur am Unterschenkel ist ab, die Schrauben sind raus und die Wohnung liegt jetzt im Hochparterre statt im fünften Stock – die 13-jährige Leonie Völkner, deren bewegende Krankengeschichte SVZ vor zwei Jahren vorstellte, hat schon so einiges geschafft. Vieles ist besser geworden – so hat die Familie eine barrierefreie Wohnung mit großem Badezimmer und breiten Türen gefunden, wo Leonie auch mit Rollstuhl oder Gehhilfen unterwegs sein kann. Nach ihrer ersten großen Bein-OP musste das Mädchen bei einer befreundeten Familie duschen, weil das Bad in der alten Wohnung zu klein war. Zwei Männer trugen sie jeden Tag fünf Stockwerke im Transportstuhl nach unten, bevor sie sie zur Schule bringen konnten. All das ist heute Vergangenheit. Und doch ist erst Halbzeit: Ein paar Jahre Behandlung hat die junge Schwerinerin noch vor sich, um ihr rechtes Bein zu verlängern.

Schon kurz nach Leonies Geburt war klar, dass es Probleme geben würde: Waden- und Schienbein waren vertauscht, Zehen zusammengewachsen oder fehlten, das Mädchen hatte nur ein Kreuzband. Die Ärzte schätzten, dass das rechte Bein im Erwachsenenalter elf Zentimeter kürzer sein werde als das linke. So hohe Ausgleichsschuhe gibt es nicht.

Seit zweieinhalb Jahren unterzieht sich Leonie einer aufwändigen Beinverlängerungs-Behandlung, die von der Uniklinik Münster durchgeführt wird. Im November 2013 brachen die Ärzte das Bein unter Narkose dreimal, brachten eine Außenfixatur und 24 Schrauben an. In den nächsten Monaten wurde die Bruchstelle langsam immer weiter auseinandergezogen – die Eltern Silke und Eckard Völkner drehten selbst an den Schrauben. Sechs Zentimeter neuen Knochen hat Leonies Körper inzwischen selbst hergestellt, erzählt ihr Vater stolz. Seine Frau und er haben großen Respekt vor der Kraft und Willensstärke ihrer kleinen Tochter, die sich selbst für die Behandlung entschieden hat – wohl wissend, dass die manchmal eine Tortur sein würde.

Nachdem der Unterschenkel ordnungsgemäß gewachsen ist und Leonie auch wieder auftreten darf, ist demnächst der Oberschenkel dran. „Viel Zeit haben wir nicht, denn die ganze Prozedur muss in der Wachstumsphase abgeschlossen sein“, sagt Eckard Völkner. In den gebrochenen Oberschenkel soll noch in diesem Jahr ein Teleskopnagel mit Magnetfeld hineinoperiert werden, erklärt er. Die Verlängerung erfolgt dann also nicht mehr über Stellschrauben. Drei Zentimeter zu kurz ist der Oberschenkel zurzeit. „Das wird nochmal hart werden“, sagt Silke Völkner, die mit ihrer Tochter schon manche Nacht tröstend oder vor dem Fernseher verbracht hat, wenn Leonie vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Doch Mut und Zuversicht haben die beiden nicht verlassen. Dass sie immer wieder viel liebevolle und auch spontane Hilfe erhalten – in der Schule, beim Umzug, im Job und auch in der unmittelbaren Nachbarschaft – stimmt sie optimistisch und glücklich. Außerdem ist schon Behandlungs-Halbzeit. „Leonie ist aber bis heute bei jedem Gespräch mit den Ärzten dabei“, betont Silke Völkner. „Wenn sie nicht mehr möchte, hören wir mit der Behandlung auf.“

Mittlerweile ist die 13-Jährige zu einer erfahrenen Patientin geworden, kann sich die Zeit im Krankenhaus mit Büchern und DVDs vertreiben. Und lernen. Bei einem Notendurchschnitt von 1,5 freut sich die Achtklässlerin auf das Halbjahreszeugnis und hat auch schon konkrete Pläne für die Zukunft. Wenn die Zeit an der Körperbehindertenschule nach Klasse zehn vorbei ist, dann möchte sie gerne ihr Fachabitur mit Ausbildung machen. Am liebsten im Stadthaus.

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