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Gelernt im Schweriner Schloss : Schloss-Bewohnerin kehrt zurück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Brigitte Behrendt lebte in den 50er-Jahren im Internat der Pädagogischen Schule und machte zum 60. Hochzeitstag eine Haus-Führung

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erstellt am 14.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Im Thronsaal hatte sie Musikunterricht, in den Räumen hinterm Blumenzimmer war ihr Wohnbereich, den sie sich mit elf anderen Mädchen teilte: Sechs Doppelstockbetten, ein Tisch mit zwölf Stühlen, Militärschränke. Zwei Jahre lang studierte Brigitte Behrendt im Schweriner Schloss den Beruf der Erzieherin, von 1952 bis 1954. Später fing sie hier als Dozentin für Pädagogik und Methoden der Vorschulerziehung an. Bis 1992 übte sie diesen Beruf aus, seit 1980 unterrichtete sie im neu gebauten Institut auf dem Dreesch. Das heutige Märchenschloss kennt sie von einer ganz besonderen Seite. Auch wenn die Umstände nicht immer märchenhaft waren – geduscht wurde beispielsweise nur einmal die Woche und dann auch noch im Keller –, so erinnert sie sich doch gern an diese Zeiten. An Treppen, die hinter Wandpaneelen versteckt waren – tolle Verstecke vor Lehrern. An den Sportunterricht in der Orangerie. An die geheimen Entdeckungstouren bis hinauf in die Türme. „Wir waren überall“, sagt Brigitte Behrendt lächelnd. Aber richtig groben Unfug hätte keine angestellt. „Wir waren noch anders damals“, sagt sie. Disziplinierter, bescheidener, zufriedener – eine junge Nachkriegsgeneration, die bereits viel Schlimmes erlebt hatte und dankbar für den Frieden war. Morgens um 5 Uhr kamen die Heizer in die kalten Schlafzimmer und machten die Öfen an, erinnert sich Brigitte Behrendt, eine Stunde später war Weckzeit. Um 8 Uhr begann der Unterricht, nachmittags von 15 bis 18 Uhr war Studienzeit im eigenen Klassenzimmer. Jede der 26 Klassen hatte einen eigenen Raum, in dem der Unterricht stattfand. Um 18 Uhr gab es Abendbrot, bis 20 Uhr durften die Schüler raus, um 22 Uhr musste das Licht ausgemacht werden. Rund 750 Studenten schlummerten zu Spitzenzeiten im Schloss.

Zwei Jahre dauerte die Ausbildung, auch die Wochenenden verbrachten die angehenden Pädagogen im Internat. Weihnachten, Ostern und an wenigen anderen Wochenenden durften sie nach Hause. „Das hört sich heute vielleicht hart an, aber wir empfanden das nicht so“, betont Brigitte Behrendt. Natürlich habe es auch mal kleine Reibereien gegeben, aber insgesamt seien die Teenager – die meisten waren 15, 16 und 17 Jahre alt – gut miteinander ausgekommen.

An die alten Zeiten erinnert sich die 81-Jährige so gern, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann beschloss, ihre Diamantene Hochzeit – 60 Jahre sind die beiden verheiratet, leben in der Schweriner Weststadt, haben zwei Töchter, drei Enkel und drei Urenkel – im Schloss zu feiern. Am allerliebsten im alten Speisesaal. Unglücklicherweise wird das Schlosscafé in den Sommermonaten nicht bewirtschaftet, das gastronomische Leben spielt sich in dieser Zeit in der Orangerie ab. Aber glücklicherweise hat Pächter Frank Lindemann von den Schweriner Schloss Localitäten ein Faible für die alten Geschichten und nette Damen, so dass er die Feier für die kleine Gesellschaft möglich machte. Und mehr: Statt der Schlossführung, die sich das Paar für seine Gäste im Anschluss gewünscht hatte, gab es 20 Eintrittskarten geschenkt mit der Bemerkung: Die ehemalige Studentin dürfe ihre Gäste selbst durch die Räume führen und dabei eigene Schlossgeschichten erzählen. Brigitte Behrendt ist dankbar und gerührt über dieses Hochzeitstags-Präsent. Natürlich hat sie die Führung mit Bravour gemeistert und dabei auch ein paar Touristen neugierig gemacht auf Schlossanekdoten jenseits der großherzoglichen Familie.

Brigitte Behrendt war übrigens gerade 16, als sie in Schwerin ihre Ausbildung begann. Ihre Eltern waren beide 1945 in Stettin bei einer Typhusepedemie gestorben. Ab 1947 lebte sie in Dranske auf Rügen, lernte dort schon ihren späteren Mann Siegfried kennen: Sie ging in die fünfte Klasse, er in die achte. Aus der Schulfreundschaft wurde eine Liebe fürs Leben. Mitte der 50er-Jahre zog Siegfried Behrendt nach Schwerin, 1957 wurde geheiratet, die erste Tochter Verena kam zur Welt. Brigitte Behrendt leitete damals schon die erste kombinierte Betreuungseinrichtung in der Stadt, eine Wochenkrippe mit 35 Krippen- und 60 Kindergartenkindern. 1961 kam die zweite Tochter des Ehepaares zur Welt. Zwei Jahre später begann Brigitte Behrendt mit einem Pädagogik-Studium an der Humboldt-Universiät, 1965 bekam sie einen Ruf als Dozentin an ihre alte Schule im Schloss.

Zu ihrer Schweriner Seminargruppe, die 1967 mit der Ausbildung begann und schon nicht mehr im Schloss wohnen musste, hat sie bis heute Kontakt. Viele ihrer Schülerinnen sind Kita-Leiterinnen oder Stellvertreterinnen in der Landeshauptstadt geworden, viele gehen jetzt in Rente. Bald wird in Mueß das 50-jährige „Bestehen“ der Seminargruppe gefeiert – natürlich mit Brigitte Behrendt als Ehrengast.

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