Früher in den Ruhestand : Rente mit 63 hat viele Freunde

Seit 46 Jahren berufstätig, seit 38 Jahren am Steuer eines Busses: Klaus Waack. Der Schweriner, der im August seinen 63. Geburtstag feiert, geht Ende des Jahres in den Ruhestand.
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Seit 46 Jahren berufstätig, seit 38 Jahren am Steuer eines Busses: Klaus Waack. Der Schweriner, der im August seinen 63. Geburtstag feiert, geht Ende des Jahres in den Ruhestand.

Ohne Abzüge vorzeitig in den Ruhestand: Zahlreiche Schweriner nutzen diese Chance. Unternehmer sehen Fachkräfte-Problem verschärft

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31. Juli 2015, 12:00 Uhr

„Am 30. November ist Schluss.“ Nach 46 Berufsjahren geht Klaus Waack in den Ruhestand. Rente mit 63. „Ich habe lange genug gearbeitet“, sagt der Schweriner. Schlosser hat er mal gelernt. 1977 erfüllte sich Waack seinen Traum, wurde Busfahrer. Die Möglichkeit, ohne Abzüge vorzeitig den Lebensabend genießen zu können, wolle er sich nicht entgehen lassen, erklärt der – noch – 62-Jährige.

Und so ist Klaus Waack längst nicht der Einzige beim Schweriner Nahverkehr, der das im vergangenen Jahr von der Bundesregierung geschaffene Angebot dankend annimmt. „Insgesamt neun  Mitarbeiter werden in diesem Jahr voraussichtlich die Rente mit 63 in Anspruch nehmen“, berichtet Nahverkehrs-Chef Norbert Klatt. Für das Unternehmen schon eine Herausforderung: „Wir müssen die Mitarbeiter ersetzen.“ Die Stellenausschreibungen für Busfahrer liefen bereits, im Oktober beginne ein neuer Straßenbahner-Lehrgang, so Klatt.

Ja, die Rente mit 63 hat in Schwerin viele Freunde gefunden.  „Mehr Freunde als erwartet“, wie IHK-Präsident Hans Thon jüngst  bei einem Gespräch über den  Arbeitsmarkt in der Landeshauptstadt betonte. Dabei sieht die Kammer den vorzeitigen Ruhestand durchaus mit gemischten Gefühlen. Stichwort: Fachkräftemangel. Die Rente mit 63 verschärfe die ohnehin schon angespannte Lage, weil sie einen Anreiz darstelle, früher aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Siegbert Eisenach. Ziel der Arbeitsmarktpolitik sollte es vielmehr sein, das Fachkräftepotenzial zu sichern und das Verbleiben älterer Mitarbeiter in ihren Unternehmen zu fördern. Nach Angaben der Schweriner Arbeitsagentur fehlen in der Region aktuell bereits mehr als 3000 Fachkräfte.

Die Verantwortlichen in der Politik müssten sich über das Thema Fachkräftesicherung mehr Gedanken machen, fordert Carsten Malschofsky, Werkleiter beim Spezialisten für Kunststoff-Behälter Schoeller Allibert in Sacktannen, und spricht vielen Firmenchefs aus dem Herzen. Natürlich könne er verstehen, wenn ein Beschäftigter, der 45 Jahre körperlich angestrengt gearbeitet habe, in den Ruhestand gehen wolle. „Aber in den Unternehmen findet man schon jetzt  zahlreiche offene Stellen, die nicht  besetzt werden können, weil der Nachwuchs fehlt“, so Malschofsky.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Rente mit 63 in den neuen Bundesländern  besser angenommen wird als in den alten. So erreichten etwa die  Deutsche Rentenversicherung Nord bis Mitte des Jahres 5833   Anträge  aus Mecklenburg-Vorpommern, aber nur   1828  Anträge aus Hamburg und  5319  Anträge aus Schleswig-Holstein. „Das Interesse an der Rente mit 63 ist in MV überproportional groß, was mit der Altersstruktur der erwerbstätigen Bevölkerung zu tun haben könnte“, sagt Sprecherin Christine Cordts.

 Klaus Waack befindet sich also in bester Gesellschaft. Er will dem Schweriner Nahverkehr allerdings noch nicht so ganz Adieu sagen, dann und wann  einspringen, wenn Not am Mann ist – auf 450-Euro-Basis. Und auch sonst wird der künftige Rentner dem Nahverkehr verbunden bleiben – als Modellbauer mit einem Faible für Busse und Straßenbahnen.

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