Pension : Quartier nehmen im „Sudhaus“

Chefin und Mädchen für alles: Maria Dessart hat jedes der sechs Appartements mit viel Liebe selbst eingerichtet. Fotos: Klawitter
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Chefin und Mädchen für alles: Maria Dessart hat jedes der sechs Appartements mit viel Liebe selbst eingerichtet. Fotos: Klawitter

Altes Funktionsgebäude der Strauß’schen Brauerei und Malzfabrik hat Maria Dessart zur Pension mit sechs Appartements umgestaltet

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07. Dezember 2014, 21:00 Uhr

Maria Dessart hat sich einen Traum erfüllt und in der Mitte des Lebens noch mal völlig umgesattelt. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, die schon in Brüssel und London gelebt hat, die halb Schwedin ist und eigentlich aus Hamburg stammt, ist jetzt in Schwerin Pensionswirtin. Im „Sudhaus“ in der Röntgenstraße gehen seit April 2013 die Gäste aus und ein. Deutsche und Franzosen, Engländer und Schweden, Künstler, junge Paare, ganze Familien oder Alleinreisende. „Oft habe ich Leute hier, die ihre Freunde und Verwandten in Schwerin besuchen wollen“, sagt Maria Dessart. Viele nette Menschen habe sie in den anderthalb Jahren willkommen geheißen, ihnen Frühstück gemacht, sie näher kennen gelernt, interessante Gespräche geführt, geputzt, gerechnet – und ihre Entscheidung nie bereut. Nur einmal habe ein Gast echtes Chaos und mehrere hundert Euro Schaden im Appartement hinterlassen. Aber auch solche Erfahrungen gehören eben zum Berufsbild, sagt sie lächelnd. „Vielleicht ist es gut, dass mir das so früh passiert ist, jetzt bin ich aufmerksamer.“

Sechs Appartements mit Küche, Bad, historischem Esstisch, Fernseher, gemütlichen Ikea-Schwingsesseln und Betten aus Malmö hat die lauschige Herberge in dem denkmalgerecht sanierten Haus, das zu dem großen Komplex rund ums soziokulturelle Zentrum „Der Speicher“ gehört. Im Jahr 1846 eröffnete Carl Strauß in der damaligen Lützowstraße 20 die Strauß’sche Brauerei und Malzfabrik – mit Lager, Malzdarre, Sudhaus, Kesselhaus, mit Pferdestall, Wagenremise, Kontor, Herrensaal, Eiskeller und Bierhalle. Sie war eine von mehreren Brauereien in Schwerin, ein Betrieb von erstaunlichen Ausmaßen – und mit einem frühen Ende. Denn schon 1917 stellte das Brauhaus den Betrieb ein, seitdem wechseln die Besitzer und die Nutzer. Pianofabrik, Zigarettenfabrik, Sektfabrik, ein Lager der GHG Technik, aber auch ein Frauengefängnis sollen hier im Laufe der Jahre untergekommen sein, sagt Maria Dessart, die zu ihrem Haus recherchiert hat. Aus dem Stadtarchiv hat sie Baupläne kopiert, die im Empfangs- und Frühstücksraum im Erdgeschoss gerahmt an der Wand hängen. „Hier war der Eiskeller, in dem das Bier gelagert wurde“, erzählt sie und deutet nach rechts unten auf dem Plan. „Das Eis wurde im Winter aus dem Pfaffenteich geschlagen und reichte gut ein Jahr. Heute ist hier der Speicher.“ Dann zeigt sie auf das Gebäude direkt neben dem Sudhaus – in der ehemaligen Bierhalle mit Gästezimmern wohnt Maria Dessart seit 2011: mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihren Eltern. Das Sudhaus ist für sie ein echtes Familienprojekt, gemeinsam habe man sich zum Kauf entschieden, die Zimmereinrichtung ausgesucht, den Zukunftsweg festgelegt. Und die Strategie, nur mit der eigenen Homepage im Internet zu werben und sich nicht bei Portalen listen zu lassen. Trotzdem wird „Das Sudhaus“ gefunden und gebucht – übrigens nicht per Klick auf der Seite, sondern nur per Mail oder Telefon. Dieser persönliche Kontakt ist Maria Dessart sehr wichtig.

„Eine Pension mitten in der Stadt mit Parkplätzen auf dem Hof – da konnte eigentlich gar nichts schief gehen“, sagte die „Spätquereinsteigerin“ 2012, als ihre Familie das Sudhaus kaufte – und sie hat recht behalten. Nur ein bisschen Urlaub würde ihr langsam gut tun, denn noch steht Maria Dessart als Einzelkämpferin jeden Tag in jeder Woche für Gäste bereit. „Ich bin jetzt soweit, dass ich an eine Verstärkung denke“, sagt sie. Am besten jemand, der genauso viel Spaß an allen Arbeiten in einer kleinen Pension hat wie sie selbst.

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