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Zeitung für die Landeshauptstadt

13. Dezember 2017 | 04:33 Uhr

Gewalt in Schwerin : Prügelnde Kinder schocken Stadt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Raubüberfall auf zwölfjähriges Mädchen löst Bestürzung aus - Psychologe: Kleine Gruppe von Jugendlichen gewaltbereit

svz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 21:15 Uhr

Schwerin steht unter Schock: Im Parkhaus des Schlosspark-Centers ist ein zwölfjähriges Mädchen zusammengeschlagen und ausgeraubt worden. Tatverdächtig: eine 14-Jährige. Das Opfer erlitt Prellungen und Schürfwunden, die mutmaßliche Täterin ist der Polizei bereits bekannt – durch eine andere Gewalttat. „Es gibt selbst bei Jugendlichen keinerlei Hemmschwellen mehr. Traurig! Schuld sind Elternhaus, die Gesellschaft und eine unfähige Justiz“, hieß es gestern in einer ersten Leserreaktion auf unserer Facebook-Seite.

Für Dr. Christian Haase, Chefarzt der Schweriner Helios-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, liegt das Problem tiefer. „Es gibt in der Gesellschaft eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die gewaltbereit sind.“ Persönlichkeitsstruktur und soziales Umfeld spielten als Erklärung eine Rolle, aber auch die konkrete Handlungssituation, so Haase. Unterschiede gäbe es etwa zwischen einer Beziehungstat und einem Gewaltausbruch bei einer eher zufälligen Begegnung.

Laut Polizeisprecher Steffen Salow kannten sich Opfer und mutmaßliche Täterin im Parkhaus des Schlosspark-Centers. Der Überfall habe sich am Montagabend kurz vor Geschäftsschluss ereignet. „Die Zwölfjährige wurde mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert“, schilderte Salow. Anschließend habe das Mädchen seine Halskette herausgeben müssen. Sowohl Opfer als auch Tatverdächtige seien in Begleitung weiterer Jugendlicher gewesen. „Unsere Ermittlungen stehen erst am Anfang“, betonte der Polizeisprecher. Die Präventionsbeamten der Schweriner Inspektion seien aber bereits informiert. Sie würden umgehend die Schulen von Opfer und Tatverdächtiger aufsuchen, um das Geschehene aufzuarbeiten.

Klaus Banner, Manager des Schlosspark-Centers, zeigte sich erschüttert von dem Vorfall im Parkhaus. „Aus Datenschutzgründen dürfen wir im Parkhaus leider keine Überwachungskameras laufen lassen“ , betonte er. Banner kündigte aber Konsequenzen an: „Wir werden unseren Wachdienst auch noch einmal kurz vor Feuerabend durch die Parkdecks schicken.“

Auf welche strafrechtlichen Konsequenzen sich die die mutmaßliche Täterin im Fall einer Anklage gefasst machen muss, ließ Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek gestern offen: „Das Jugendstrafrecht bietet verschiedene Sanktionsmöglichkeiten.“ Der Jugendrichter entscheide jeweils im Einzelfall und berücksichtige dabei insbesondere auch erzieherische Aspekte, so Urbanek.

Unterdessen wurde ein weiterer Fall von Jugendgewalt in Schwerin bekannt: An der Haltestelle Keplerstraße soll ein Elfjähriger einen Zehnjährigen am Dienstagmittag für einige Minuten in ein Gullyloch eingesperrt haben. Neuntklässler seien schließlich eingeschritten und hätten dem Opfer geholfen, sich zu befreien, berichtete Polizeisprecher Salow.

Kommentar: "Nicht kapitulieren" von Christian Koepke

Was geht in einem Kind vor, das ein anderes Kind fast krankenhausreif prügelt? Was reitet einen Jungen einen anderen Jungen in einem Gully einzusperren? Die beiden jüngsten Fälle von Jugendgewalt in der Landeshauptstadt machen sprachlos. Sprachlos macht freilich auch die Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit jungen Leuten, die offenbar weder für gute Worte noch für strafrechtliche Sanktionen empfänglich sind. Kapitulation vor der Gewalt wäre allerdings das falsche Signal. Deshalb ist es auch richtig, dass die Präventionsbeamten der Schweriner Polizei jetzt in die Schulen der betreffenden Kinder gehen und das Geschehene aufarbeiten. Denn es gibt auch ermutigende Zeichen: So waren es couragierte Neuntklässler, die dem Zehnjährigen bei der Befreiung aus dem Gully halfen. Sie haben nicht weggesehen, sondern gehandelt.

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