Schwerin : Problem-Baustelle unter Wasser

<strong>Nichts tut sich: </strong>Der Neubau des Regenbeckens wurde 2007 begonnen. Jetzt hofft die Stadt, dass es im kommenden Jahr fertig wird. <foto>Foto: Reinhard Klawitter</foto>
Nichts tut sich: Der Neubau des Regenbeckens wurde 2007 begonnen. Jetzt hofft die Stadt, dass es im kommenden Jahr fertig wird. Foto: Reinhard Klawitter

Die Arbeiten am Regenüberlaufbecken zwischen Pfaffenteich und Ziegelsee werden nun schon zum dritten Mal ausgeschrieben. Grund: Wasser trat in die Baustelle ein. Bis jetzt ist noch offen, wer an der Undichte schuld ist.

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01. Juli 2012, 05:45 Uhr

Altstadt | Ältere Schweriner erinnern sich noch an das anrüchige Kapitel der Schweriner Geschichte: Bei stärkerem Regen tauchte im Ziegelsee zuweilen das auf, was andernorts nach dem Toilettengang weggespült wurde, berichtet Lutz Nieke, Werkleiter der Schweriner Abwasserentsorgung (SAE). Das ist dank intensiver Investitionen in das altstädtische Kanalisationssystem zwar schon Geschichte. Aber endgültig ausgeschlossen werden kann es erst, wenn das Mischwassersystem im Norden Schwerins mit der Inbetriebnahme des neuen Regenrückhaltebeckens am Nordufer des Pfaffenteichs und der unterirdischen Sanierung der Alexandrinenstraße komplett erneuert ist. Doch beide Vorhaben stocken seit gefühlten Ewigkeiten.

Das ist die Theorie: Das gesamte Regen- und Abwasser eines Areals, das vom Klinikum über Friesensportplatz und Bahnhofsgelände bis hin zum Obotritenring reicht, läuft dank eines natürlichen Gefälles über die unterirdischen Kanäle künftig nicht mehr bei Starkregen in Ziegelsee oder Pfaffenteich, sondern dank des einmal fertig gestellten Regenüberlaufbeckens gezielt zum ehemaligen Klärwerk Bornhövedstraße - dem tiefsten Punkt der Landeshauptstadt - ehe es von dort zur Kläranlage nach Süd gepumpt wird. "Wir senken dann damit allein die Belastung des Ziegelsees um 41 Prozent", sagt Nieke stolz. Rund 3,5 Millionen Euro investiert die SAE dafür. Soweit die Zukunft.

In der Praxis hat sich die Baustelle zu einem riesigen Problem entwickelt. Seit mehr als einem Jahr ruhen die Arbeiten der Bauleute und arbeiten stattdessen die Juristen von Baufirmen und Stadt. Die Baugrube, die noch nicht einmal die künftige Wanne enthält, in der sich der Regen sammeln soll, steht unter Wasser. Was ist passiert?

Anfang 2007 erhielt eine Baufirma nach vorheriger Ausschreibung der SAE den Zuschlag für den ersten Bauabschnitt. Die eine Hälfte der Baugrube für das neue Regenüberlaufbecken wurde ausgehoben, der Wasserzulauf unterirdisch gelegt - von der Alexandrinenstraße aus, kurz vor der Aubachbrücke. Ende 2008 waren die Aufträge abgearbeitet. Die durch Spundwände gesicherte Baugrube und die bereits mit Unterwasserbeton gegossene Grundplatte wurde mit einem Erde-Kies-Gemisch zugekippt. Die Baustelle war bereit zum Überwintern.

Nach der Ausschreibung des zweiten Bauabschnittes belegte die Firma, die die Arbeiten begonnen hatte, nur den zweiten Platz. Das Regelwerk für Vergaben durch die öffentliche Hand, die so genannte "Verdingungsordnung Bau" (VOB) zwang die SAE, das günstigere Angebot zu nehmen und an eine neue Firma den Auftrag zu vergeben. Bevor die jedoch loslegen konnte, gab es aufgrund technologischer Veränderungen, aber auch schwieriger Bodenverhältnisse erste Verzögerungen. Voruntersuchungen habe es zwar umfänglich gegeben, aber es sei nicht alles vorhersehbar gewesen. "Da ändern sich die Bodenverhältnisse alle paar Meter", sagt Nieke. Als alle Probleme beseitigt schienen, war es Herbst. Eine Winterbaustelle wollte niemand. So begannen die Bauleute ihre Arbeit erst im Frühjahr 2010. Ihre Aufgabe: Der zweite, größere Teil der Baugrube war auszuheben, der unterirdische Zulauf vom Bürgermeister-Bade-Platz aus zu verlegen, der Notüberlauf zum Ziegelsee und auch der Anschluss an die Pumpleitung waren zu bauen.

Die Arbeiten begannen - und mit ihnen die Nachforderungen der Firma an die SAE. "Wir mussten alles prüfen, denn es hätte ja auch sein können, dass da wirklich das eine oder andere Problem dabei wäre", sagt Nieke heute und verweist auf einen dicken Leitzordner. Als es dann daran ging, in Vorbereitung des Einbaus der Wanne die Mittelwand herauszunehmen, die die Gruben der beiden Bauabschnitte trennt, begann das Dilemma. Es trat Wasser ein. Im Herbst 2010 war ein Weiterbau unmöglich. Was folgte, war ein langer Streit, der zumindest juristisch immer noch offen ist. Kernpunkt: Wer ist schuld an der Undichte und dem Wassereinbruch.

Um die Bauarbeiten fortzuführen, hat die SAE im Winter 2010/2011 sogar ein Vergleichsangebot unterbreitet, um eine neue Baufirma engagieren zu können. Die alte lehnte ab. Anfang 2011 zog die SAE dann die Notbremse und ini tiierte ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren. Von April bis November 2011 erstellte ein gerichtlich bestellter, unabhängiger Gutachter seine Expertise. Es folgten Nachfragen und Antworten. Um Schadensersatz oder Bezahlung bzw. Erbringung von Leistungen ging es da noch gar nicht.

Im März 2012 erfolgte schließlich die Freigabe der Baustelle. Die SAE setzte der Baufirma eine Frist bis Mitte Juni, die Baumängel zu beheben und das Regenüberlaufbecken fertig zu stellen. Geschehen ist nichts. Noch immer steht etwa zweieinhalb Meter hoch Wasser in der Grube.

Bereits im Mai 2011 hatte die SAE rechtlich prüfen lassen, ob nicht doch das komplizierte Regelwerk für Auftragsvergabe durch kommunale Unternehmen, die VOB, es zulässt, der Baufirma den Auftrag zu entziehen. Damals hatte man aufgrund der hohen Auflagen diese Möglichkeit nicht gewählt. Ende vergangener Woche nun haben die Anwälte der SAE die Auftragsentziehung an die Firma geschickt. "Wir haben uns rechtlich zu 100 Prozent abgesichert", sagt Nieke. Dennoch werde es wohl einen Rechtsstreit geben.

Unabhängig davon kann die SAE nun die Arbeiten wieder ausschreiben. Nieke rechnet dadurch und durch die Verzögerungen mit Mehrkosten "von mehreren hunderttausend Euro". Wenn nun alles läuft wie geplant, soll noch in diesem Jahr eine neue Firma die Baugrube trocken bekommen und das Regenüberlaufbecken 2013 fertig stellen - nach dann inzwischen sieben Jahren. "Für uns ging letztlich die Sicherheit vor Schnelligkeit", sagt Nieke. Gemeint ist bauliche wie juristische.

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