Pressefreiheit. Oder: Ich will das vorher lesen!

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20. Januar 2009, 11:07 Uhr

Eine kleine Nachfrage hatte ich nur. Doch dann hat der Vogelexperte aus Sandauerholz-Altdorf diesen einen Satz durchs Telefon geschickt: "Senden Sie mir Text und Bild doch schnell per Mail, dann kontrolliere ich die Zuordnung von Blau- und Haubenmeise." Kein Problem, dachte ich. Kein Problem bei diesem konfliktfreien Vögel-bei- der-Winterfütterung-Thema. Grundsätzlich müssen Vogelexperten, Bürgermeister und Ausschussvorsitzende aber wissen: Fremdkontrolle ist nicht, in Deutschland gilt die Pressefreiheit. Artikel 5 des Grundgesetzes schreibt sie fest: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift, Bild frei zu äußern... Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." Die Forderung "Ich will das aber vorher lesen" kann sich deswegen immer nur auf die eigenen Zitate beziehen, nicht aber auf einen ganzen Beitrag.

Zurück zum Beispiel: Wenn also der Vogelexperte aus

Sandauerholz-Altdorf in Wahrheit gar kein Vogelexperte wäre und im Winter nicht Kerne, sondern pinkfarbene Giftkörner unter das Schmalz mischt, weil ihn das Herumgeflattere stört, dürfen und sollten Journalisten darüber berichten. Auch, wenn der vermeintliche Experte damit nicht einverstanden ist. Keine Bürgermeisterin und auch nicht der Bundespräsident könnte den Bericht blockieren. Wie wertvoll diese Errungenschaft ist, wird klar, wenn man sich daran erinnert, wie es bei uns früher ohne sie war und heute woanders noch ohne sie ist. In der Weimarer Republik "nur" erschüttert, kam die Pressefreiheit unter dem Regime der Nationalsozialisten vollständig zum Erliegen. Jede Form von Zeitung oder Rundfunk stand unter strenger Kontrolle des "Propagandaministeriums". Das ist zum Glück vorbei: Eine der ersten Amtshandlungen der Alliierten nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands war die Gründung neuer Zeitungen und die Ausbildung von Journalisten. Aber frei ist die Presse heute längst nicht überall auf der Welt. Wer etwa in China investigativ zu den Bauernaufständen recherchieren möchte, wird schnell an Grenzen stoßen. Um nur ein - sehr strapaziertes - Beispiel zu nennen.

"Eingeschränkt" ist die Pressefreiheit in Deutschland aber dennoch - vor allem durch das Persönlichkeitsrecht. Der Deutsche Presserat hat 1973 den so genannten "Pressekodex" vorgelegt, eine freiwillige Selbstverpflichtung. Richtungsweisend war auch das 2004 gefällte "Caroline"-Urteil. Caroline Prinzessin von Hannover (damals von Monaco) hatte sich bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchgeklagt. Und erreicht, dass seither auch eine "Person der Zeitgeschichte" das Recht auf Achtung der Privatsphäre in Anspruch nehmen kann. Dazu gehört auch das Recht, in der Öffentlichkeit für sich allein sein zu können.

Der vermeintliche Vogelexperte aus Sandauerholz-Altdorf hat dieses Recht auch. Aber: Hätte er die Singvögel in seinem ganz privaten Vorgarten vergiftet, wäre das schlicht eine Riesen-Schweinerei. Über die wahrheitsgetreu berichtet werden müsste. Für die Zeitung ein gefundenes Fresschen.

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