Nach den Schweriner Kindesmissbrauchsfällen : Power for Kids wirkt weit nach

Geschlossen: „Power for Kids“
Geschlossen: „Power for Kids“

Missbrauchsopfer beklagen mangelnde öffentliche Unterstützung und hoffen auf private Hilfe. Zahlreiche zusätzliche Angebote der Stadt

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25. November 2017, 05:00 Uhr

Der Missbrauchsskandal durch den Vereinsgründer Peter B. bei Power for Kids wirkt immer noch nach. Die meisten der minderjährigen Opfer befinden sich nach wie vor in medizinischer und pädagogischer Betreuung. Manche von ihnen sogar in geschlossenen Kliniken. Voraussichtlich im Frühjahr wird der zweite Prozess gegen Peter B. beginnen. Weitere Fälle von Missbrauch sind in den Ermittlungen festgestellt worden. Das Thema wird medial ein großes Echo finden. Für die Opfer beginnt dann ein neuer Leidensweg, befürchten Eltern und Großeltern, mit denen SVZ sprechen konnte.

Trotz vielfältiger zusätzlicher Angebote und Hilfen von Stadt und freien Trägern beklagen sie doch, dass vieles zu langsam gehe, die jungen Opfer in entscheidenden Phasen allein gelassen wären und die gegenseitige Unterstützung untereinander kaum mehr möglich wäre. Für gemeinsame Aktivitäten fehle das Geld.

Erste private Initiativen habe es aber bereits gegeben. So waren vier Jugendliche am vergangenen Wochenende in Hamburg, um ein Wrestling-Spektakel live – und vor allem gemeinsam – zu verfolgen, berichtet eine Angehörige. Sie habe auch mit Unterstützung des Internationalen Bundes (IB) erreicht, dass die Tanzgruppe des ehemaligen Vereins Power for Kids wieder trainieren könne – in Begleitung einer pädagogischen Fachkraft und in den Räumen des IB.

Aber sonst ? „Ja, das Jugendamt macht eine Menge“, sagt eine Schwerinerin, deren Enkelsohn zu den Opfern zählt. „Aber es gibt auch die andere Seite“, sagt sie und berichtet von Mobbing an der Astrid-Lindgren-Schule, was dazu geführt haben soll, dass kein einziges Opfer mehr in dieser Schule unterrichtet werde. Und sie erzählt auch, dass sich die Suche nach einer anderen Schule sehr schwierig gestaltete. Vom Amt avisierte Klassen seien plötzlich voll gewesen. Ein medizinisches Gutachten wurde unerwartet gefordert. „Dass mein Enkel nach nunmehr zwei Jahren seit dem 1. November wieder zur Schule gehen und Aussicht auf einen Hauptschulabschluss hat, ist nur privaten Kontakten zu verdanken. Nicht dem Jugendamt“, sagt die Schwerinerin.

Einer anderen Mutter fehle das Geld, um ihren Sohn in einer Klinik in Stralsund zu besuchen. Der Junge sei dort völlig isoliert, beklagt sie. Die Familie ist nach dem Missbrauch in den Landkreis Ludwigslust-Parchim gezogen.

„Ich weiß, dass es Probleme mit der Schule gab. Aber aktuell ist uns nichts bekannt“, sagt Sozialdezernent Andreas Ruhl, der sich persönlich von Anfang an für den Opferschutz und schnelle Hilfen eingesetzt hat. Seine Bilanz und die der Stadt ist dabei beachtlich.

Unzählige intensive Gespräche habe es mit den Kindern und Jugendlichen und deren Familien gegeben, ebenso mehrere Gesprächsrunden beim Kinderschutzbund. Die Stadt gibt jetzt mehr Geld für Jugend- und Jugendsozialarbeit aus und unterstützt in diesem Jahr erstmals finanziell auch die Opferhilfe Schwerin. Die Schulsozialarbeit wurde verstärkt. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt ist das Projekt „Zeit.Raum“ durch den IB gestartet. „Hier werden von Fachkräften Einzelfallberatungen angeboten, um einer Stigmatisierung der Kinder in einer Gruppe aus dem Weg zu gehen“, erklärt der Sozialdezernent. „Das Angebot wird von Kindern und Angehörigen gut angenommen.“

Zwölf Familien mit jungen Opfern haben die Stadt und die Partner in den Vereinen mit Hilfen zur Erziehung betreut. Zu neun Familien gibt es heute noch Kontakt, sagt Andreas Ruhl. „Die anderen Familien wünschten entweder keinen Kontakt oder lehnten eine weitere Unterstützung durch das Jugendamt ab, da sie sich selbst entsprechende Hilfe und Unterstützung gesucht haben.“ Und der Dezernent betont, dass mehrere freie Träger noch in dieser Woche erklärt hätten, dass das Beratungs- und Betreuungsangebot von den Betroffenen bis heute angenommen werde.

„Wir wollen doch zusätzlich nur ein bisschen gemeinsamen Freizeitspaß“, sagt die Schwerinerin und denkt an ihren Enkel. „Nichts Großes, vielleicht mal eine Fahrt ins Wonnemar.“ Wer helfen möchte, kann sich an den Internationalen Bund wenden. Der würde Spenden und Freizeitaktivitäten koordinieren – Telefon 0385/2082418.

Im Februar 2016 war Peter B., damals 41 Jahre alt, im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für den Verein „Power for Kids“ vom Landgericht wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauchs von Kindern in zehn Fällen, sexuellen Missbrauchs von Kindern in 32 Fällen und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern in elf Fällen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt worden, die er gegenwärtig verbüßt. Eltern der betroffenen Jungen kritisierten das Urteil als zu milde. Der Fall erschütterte Schwerin, erregte bundesweit Aufmerksamkeit und Bestürzung.

In der neuen Anklage wirft die Staatsanwaltschaft Peter B. 30-fachen, größtenteils schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor, in sechs Fällen in Tateinheit mit Vergewaltigung. Betroffen sind laut Oberstaatsanwältin Claudia Lange sieben Jungen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren. Zwischen 2010 und August 2015 soll sich Peter B. an den Kindern vergangen haben. Dabei habe er seine Tätigkeit bei „Power for Kids“ als Leiter einer Tanzgruppe und Vertrauensperson ausgenutzt, heißt es in der Anklage. Verantworten muss sich Peter B. zudem wegen Nötigung. Beobachter rechnen für Frühjahr mit dem Prozessbeginn.

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