Interview Angelika Gramkow : Power for Kids: Wer wusste was?

Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow antwortet auf Fragen von SVZ-Lesern, die am „Heißen Draht“ gestellt wurden

von
21. März 2016, 05:00 Uhr

Nach den Missbrauchsfällen im Verein Power for Kids und der Verurteilung des Straftäters Peter B. geht die Aufarbeitung weiter. Der zeitweilige Untersuchungsausschuss und der Jugendhilfeausschuss beschäftigen sich damit. SVZ-Leser haben über unsere Berichterstattung hinaus noch weitere Fragen. Redakteur Bert Schüttpelz stellte sie Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow.

Frau Gramkow, was sagen Sie zum Stand der Aufarbeitung in der Verwaltung, insbesondere zur Rolle des Jugendamtes?

Angelika Gramkow: Uns liegt ein umfassender Bericht von Volljuristin Jana Horn und von ihrer Assistentin vom Landesjugendamt vor. Er listet detailliert die Fehler und Verantwortlichkeiten auf.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Wir müssen Sorge tragen, dass so etwas nicht wieder passieren kann. Ich habe personelle und strukturelle Veränderungen eingeleitet. Der zuständige Abteilungsleiter im Jugendamt, dem schuldhaftes Fehlverhalten nachgewiesen wurde, hat eine Abmahnung bekommen und wurde in einen anderen Bereich versetzt. Die Mitarbeiterin und die Amtsleiterin wurden abgemahnt. Das Amt für Jugend, Schule und Sport wird aufgelöst und in zwei Fachbereiche geteilt, so dass einer seine ungeteilte Aufmerksamkeit dem Jugendbereich widmen kann.

Werden Sie die internen Dienstabläufe verändern?

Der Untersuchungsbericht bescheinigt uns, dass die geltenden Dienstanweisungen gut und gut handhabbar sind. Damit nicht wieder gegen sie verstoßen werden kann, werden sie noch klarer und juristisch eindeutig formuliert. Zudem werden sie noch breiter gefasst, damit sie auch dann greifen, wenn der Name des gefährdeten Kindes nicht bekannt ist.

Im Bericht taucht auf, dass auch der zuständige Dezernatsleiter informiert war. Was sagt er dazu?

Das weiß ich nicht, da müssen Sie ihn selbst fragen. Er ist seit 31. August 2015 im Ruhestand.

Einige Stadtvertreter meinen, dass Sie als Verwaltungschefin auch persönlich Verantwortung übernehmen müssen und zurücktreten sollten. Was sagen Sie dazu?

Zunächst möchte ich betonen, dass die betroffenen Kinder und ihre Eltern alle mögliche Hilfe bekommen müssen, um mit den Folgen der Verbrechen fertig werden zu können. Dann möchte ich klar sagen, dass es hier um konkretes Fehlverhalten von drei Personen, darunter zwei leitenden, geht. Sie haben gegen Dienstanweisungen verstoßen. Das wurde geahndet. Ich sehe meine Verantwortung darin, dafür zu sorgen, dass so etwas möglichst nicht wieder passiert.

Das steht im Untersuchungsbericht

Das Jugendamt hatte Mitte Januar 2015 erste Hinweise auf Missbrauchsfälle im Verein Power for Kids bekommen. Zwei betroffene Jugendliche hatten sich in der Schule gegenüber ihrem Schulsozialarbeiter offenbart. Der hatte tags darauf am Rande einer Veranstaltung des Trägerverbundes den Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses informiert. Dieser wandte sich noch am selben Tag an die Jugendamtsleiterin mit der Bitte um ein vertrauliches Gespräch. Sie zog ihren Abteilungsleiter hinzu und berichtete anschließend ihrem Dezernatsleiter darüber.

Es wurde ein Treffen von Jugendamt und freiem Träger des Schulsozialarbeiters für den 22. Januar anberaumt. Daran nahmen der Schulsozialarbeiter und sein Vorgesetzter vom freien Träger sowie der zuständige Abteilungsleiter vom Jugendamt und seine Mitarbeiterin teil. In dem Gespräch teilte der Schulsozialarbeiter mit, dass ihm gegenüber zwei Jugendliche geäußert hätten, dass sie durch ein Mitglied des Vereins Power for Kids sexuell belästigt worden seien. Von anzüglichen Bemerkungen und Gesten war die Rede. Ferner wurde mitgeteilt, dass die Eltern es nicht wünschten, dass ihre Namen und Adressen gegenüber Dritten offenbart würden. Deshalb wurde besprochen, dass das Verfahren nach der zwischen dem Jugendamt und dem Träger abgeschlossenen „Vereinbarung gemäß Paragraf 8a SGB VIII“ (Sozialgesetzbuch 8) angewandt wird und der freie Träger diesen Vorwürfen nachgeht.

Am 19. Februar 2015 bekam das Jugendamt vom freien Träger die Dokumentation zum trägerinternen Kindeswohlgefährdungsverfahrens im Fall Peter B. und die Information, dass keine Gefährdung mehr vorliege, denn die betreffenden Eltern hätten ihre Kinder aus dem Verein genommen.

Damit war aus Sicht des Jugendamtes das Verfahren nach Paragraf 8a SGB abgeschlossen. Ein tragischer Fehler, wie sich später herausstellte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen