Nach Kindesmissbrauch in Schwerin : Power for Kids tanzt allein

Hip Hop im Schlosspark-Center: Die Jugendlichen von Power for Kids haben lange für diesen Auftritt geprobt. Das Publikum applaudierte, andere Tanzgruppen schnitten sie.
Hip Hop im Schlosspark-Center: Die Jugendlichen von Power for Kids haben lange für diesen Auftritt geprobt. Das Publikum applaudierte, andere Tanzgruppen schnitten sie.

Vereinsmitglieder werden von anderen Jugendlichen geschnitten – Kommunalpolitik tritt noch auf der Stelle

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02. März 2016, 20:30 Uhr

Sonnabendnachmittag, Schlosspark-Center, Erdgeschoss: Michelle, Mandy, Marcel und die anderen Jugendlichen der Power Event Group tanzen vor hunderten Schaulustigen Hip Hop. Aus drei Etagen schauen Besucher des Centers auf die Mädchen und Jungen in ihren lindgrünen Sweatshirts und schwarzen Jogginghosen, wie sie rhythmisch zu den hämmernden Beats die einstudierte Choreografie gekonnt auf der kleinen Bühne präsentierten. Zuschauer klatschen, während einige Jungs akrobatische Breakdance-Figuren auf den kalten Marmorboden bringen. Einige Tänzerinnen tragen Schirmmützen der US-Polizei, andere haben keck ihre Base-Caps verkehrt herum auf dem Kopf. Als die Tänzer des Vereins Power for Kids Zuschauer holen und gemeinsam Breakdance-Übungen probieren, jubelt das Publikum.

Doch hinter den Kulissen ist die Stimmung eisig. „Die hätte man ausladen müssen“, sagt ein Jugendlicher einer anderen Tanzgruppe. Der begleitende Erzieher stimmt zu: „Die gehören hier nicht her.“ Die minderjährigen Vereinsmitglieder von Power for Kids werden geschnitten. Sie kommen vom Verein des Vergewaltigers Peter B., wegen dutzendfachen Missbrauchs von Kindern zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hat die Power Event Group trainiert.

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen sie schon aus anderen Jugendtreffs, die ihnen als Alternative für ihren geschlossenen Treff angeboten wurden. Auch dort wollte sie niemand wirklich haben. Im „Power“, wie die Kids ihren Treff nennen, trafen sie sich siebenmal die Woche. Hier konnten sie sein, wie sie sind. Niemand hat sie gegängelt. Außer Peter B. Er hat sie missbraucht, benutzt, gedemütigt, bedroht. Doch das ist ja vorbei, sagen sie. „Was können wir dafür, was Peter B. gemacht hat“, fragen die Jugendlichen. „Warum werden wir dafür bestraft?“ Ein 14-jähriger Junge, vom ehemaligen Vereinsgründer und langjährigen Leiter des Vereins Power for Kids selbst missbraucht, sagt allen Ernstes „Peter B.“

Während diese Mädchen und Jungen verzweifelt ein neues zweites Zuhause als Alternative zu ihrem geschlossenen Treff suchen, haben gestern zum zweiten Mal die Kommunalpolitiker getagt, die im Sonder-Ausschuss aufarbeiten sollen, welche Rolle das Jugendamt gespielt hat. Im Januar 2015 hatte ein Schulsozialarbeiter das Jugendamt informiert, dass es die Missbrauchsvorwürfe bei Power for Kids gegen Peter B. gibt. Erst sechs Monate und mindestens 46 Vergehen durch Peter B. an Kindern später wurde der 42-Jährige verhaftet. Weil ein anderer die Polizei eingeschaltet hatte. Das Jugendamt war untätig geblieben.

Die politischen Sonderermittler sollen in ihrem Ausschuss unter Vorsitz von Sven Klinger Vergehen des Jugendamtes aufarbeiten. Die Verwaltungsspitze um Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow lässt sie damit relativ allein. Längst nicht alle der von Klinger angeforderten Akten stehen den Ausschussmitgliedern zur Verfügung. Der avisierte interne Prüfbericht der Verwaltung ist noch nicht fertig.

Und die Ausschussmitglieder streiten um Organisationsfragen, noch nicht in der Sache. Dafür durften sie sich gestern auf eigenen Wunsch Christine Habetha anhören, die Fachanwältin, die die Missbrauchsopfer bei Power for Kids vor Gericht vertreten hatte. Ihre detaillierten Informationen waren erschreckend: Noch bis vier Tage vor seiner Festnahme missbrauchte Peter B. Kinder. „Ich will nicht bewerten, ob das durch das Jugendamt hätte verhindert werden können“, sagte Habetha. „Juristisch würde ich aus Sicht der Kinder aber schon Worte wie Schadensersatz und Schmerzensgeld benutzen.“

Viele neue Fragen liegen im Sonderausschuss bereits vor: Warum begann die Aufklärung in der Verwaltung nicht schon nach der Verhaftung von Peter B. im August 2015, sondern erst als im Januar dieses Jahres, die Medien berichteten? Warum haben weder der Jugendhilfeausschussvorsitzende noch die Jugendamtsleiterin schon zu Jahresbeginn 2015 die Staatsanwaltschaft informiert, als der Missbrauch im Verein bekannt wurde? Wann hat die Oberbürgermeisterin davon erfahren?

Erst wenn diese und weitere Fragen geklärt sind, könnte der Sonderausschuss inhaltlich nicht mehr auf der Stelle treten. Am 16. März soll der Verwaltungsbericht vorliegen. Zwei Wochen danach wollen die Politiker die Jugendamt-Spitze befragen.


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