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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. November 2017 | 15:55 Uhr

Schwerin : Plötzlich Rentner – und dann?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weil die Gesundheit nicht mehr mitspielte, musste Holger Hermann seinen Job aufgeben. Als Bufdi fand er eine neue Aufgabe

von
erstellt am 20.Jul.2017 | 06:00 Uhr

Holger Hermann ist 57 Jahre alt, die Kinder sind erwachsen, die Gattin geht Vollzeit arbeiten. Er selbst ist berufsunfähig. Seine Knie und der Rücken streiken. „Ich gehe inzwischen auf dem bloßen Knochen.“ Jeder Schritt schmerze, doch inzwischen habe er sich an das Stechen gewöhnt. Seinen Job als Heizungsmonteur musste Hermann aber an den Nagel hängen. Eine sinnvolle Aufgabe brauchte er trotzdem. „Früher war ich kaum zu Hause, weil ich ausliegen musste. Das hat mir zur Weitsicht verholfen. Im Dorf beim Stammtisch dreht sich die Welt manchmal im Kreis“, sagt er.

Das Konzept des Bauspielplatzes gefiel Holger Hermann von Anfang an: Die Kinder sollen das ganze Jahr draußen spielen und unter freiem Himmel die frische Luft genießen. „Hier darf jeder seine eigenen Erfahrungen sammeln – mit der Höhe, dem Feuer, mit dem Wasser“, erklärt er. „Kinder sollen Abenteuer erleben – hier werden sie dabei pädagogisch betreut.“

Furchtlos beklimmen die kleinen Besucher Kletterparcours, sitzen an der Feuerstelle und essen Stockbrot oder nehmen Hammer und Nagel in die Hand, um Tische und Bretter zu verzieren. „So bin ich früher auch aufgewachsen. Ich habe meinem Vater die Holzbretter geklaut und daraus etwas gebastelt. Das gefiel ihm nicht immer, aber ich habe es gemacht“, erinnert sich Holger Hermann. „Heute sind die Dörfer zu sauber und die Rasen so gestutzt, dass Kinder nicht mehr darauf spielen dürfen.“

26 Stunden in der Woche ist Holger Herrmann auf dem Spielplatz. Von Montag bis Freitag. „Es ist gar nicht so einfach eine Bufdi-Stelle zu bekommen“, gesteht er. „Ich kassierte ein paar Absagen, von einigen Verbänden hörte ich sogar gar nichts“, erzählt er. Dann meldete sich der Bauspielplatz-Verein und der 57-Jährige war hellauf begeistert. „Wenn man nicht mehr arbeitet, hat man viel Zeit. Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag rumsitzt“, erklärt der Rentner. Und nur im Garten zu tüfteln, kam für ihn auch nicht in Frage. Auf dem Bauspielplatz kann er sich austoben. „Ich bin hauptsächlich für koordinative Aufgaben zuständig und kümmere mich, wenn an den Sanitäranlagen oder auf dem Wasserspielplatz etwas kaputt geht. Schließlich hält nichts ewig. Alles, was ich mache, mache ich aber im Schongang“, sagt er. 241 Euro Aufwandsentschädigung bekommt Holger Hermann für seine Halbtagsstelle. Damit kann er die Fahrtkosten zur Arbeit decken. „Weil meine Frau gut verdient, kann ich mir das hier leisten.“ Dafür ist der 57-Jährige dankbar. „Für Kinder ist der Bauspielplatz ideal. Hier spielt niemand mit dem Handy. Hier können sie toben. Wir dürfen den Nachwuchs nicht in Zuckerwatte packen.“ Zweimal hätte es auf dem Gelände in Schwerin bereits gebrannt, zuletzt gleich an zwei Stellen. „Wir wissen, dass es Brandstiftung war. Die Kinder waren todtraurig.“

Wenn Holger Hermann nicht nach Abenteuern sucht, engagiert er sich in der Crivitzer Stadtvertretung als „kundiger Bürger im Bauauschuss“. „Ich bin ein Typ, der anpackt und etwas bewegen möchte.“

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