Schweriner Missbrauchsfälle : Peter B.: Vorerst kein neuer Prozess

<p>Verriegelt: Im Juni 2016 wurde der Jugendtreff „Power for Kids“ in Schwerin endgültig geschlossen. </p>
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Verriegelt: Im Juni 2016 wurde der Jugendtreff „Power for Kids“ in Schwerin endgültig geschlossen.

Landgericht kann weiteres Verfahren gegen Gründungsmitglied von „Power for Kids“ nicht eröffnen, weil zuständige Kammer überlastet ist

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05. April 2017, 05:00 Uhr

Peter B. muss vorerst nicht wieder vor Gericht erscheinen. Zwar hat die Staatsanwaltschaft das Gründungsmitglied des ehemaligen Vereins „Power for Kids“ im Sommer vergangenen Jahres erneut wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt, aber im Schweriner Landgericht gab es bislang keinen freien Termin für die Eröffnung des Hauptverfahrens – und wird es in kommenden Wochen voraussichtlich auch nicht geben. Die zuständige Jugend- und Jugendschutzkammer des Gerichts sei überlastet, sagt Gerichtssprecher Detlef Baalcke. Vorrang hätten zunächst Fälle, in denen die Beschuldigten in U-Haft säßen und entsprechende Fristen einzuhalten seien. Im Fall von Peter P. gäbe es diesen „Haftdruck“ nicht, er befinde sich ja bereits im Gefängnis, so Baalcke.

Im Februar vergangenen Jahres war Peter B., damals 41 Jahre alt, im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für den Verein „Power for Kids“ vom Landgericht wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern in zehn Fällen, sexuellen Missbrauchs von Kindern in 32 Fällen und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern in elf Fällen zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt worden, die er gegenwärtig verbüßt. Eltern der betroffenen Jungen kritisierten das Urteil als zu milde. Der Fall erschütterte Schwerin, erregte bundesweit Aufmerksamkeit und Bestürzung.

Anlass für die neuerlichen Ermittlungen gegen Peter B. seien unter anderem die Aussagen mehrerer betroffener Kinder aus dem ersten Strafverfahren gewesen, hatte die Sprecherin der Schweriner Staatsanwaltschaft, Claudia Lange, im August vergangenen Jahres erklärt (SVZ berichtete). Die Kinder hätten sich im Laufe der Verhandlung ihren Eltern anvertraut und von weiteren, teilweise deutlich schwerwiegenderen sexuellen Übergriffen berichtet, die sie aus Angst aber zunächst verschwiegen hätten. Die erneute Anklage gegen Peter B. stütze sich jedoch auch auf Angaben von Kindern, die im ersten Verfahren nicht zu den Betroffenen gezählt hätten, so Lange.

Insgesamt wirft die Staatsanwaltschaft Peter B. in der neuen Anklage 30-fachen, größtenteils schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor, in sechs Fällen in Tateinheit mit Vergewaltigung. Betroffen sind laut Oberstaatsanwältin Lange sieben Jungen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren. Zwischen 2010 und August 2015 soll sich Peter B. an den Kindern vergangen haben. Dabei habe er seine Tätigkeit bei „Power for Kids“ als Leiter einer Tanzgruppe
und Vertrauensperson ausgenutzt, so die Anklage. Verantworten muss sich Peter B. zudem wegen Nötigung.

Neben ersten juristischen Folgen hatte der Fall Peter B. auch politische Konsequenzen. Die Stadtvertretung setzte einen Sonderausschuss ein, der sich insbesondere mit der Rolle des Jugendamtes beschäftigte. Ergebnis: Die Sonderermittler sahen gravierende Fehler. Hinweisen auf Missbrauchsfälle bei „Power for Kids“ sei nicht rechtzeitig nachgegangen worden, lautete der Vorwurf. Sogar Ex-Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow musste sich kritische Fragen gefallen lassen. Die ehemalige Jugendamtsleiterin Caren Gospodarek-Schwenk nahm ihren Hut. Auch der frühere Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Peter Brill, gab seinen Posten ab.

Den Verein „Power for Kids“, der seinen Sitz in der Hegelstraße im Mueßer Holz hatte, gibt es nicht mehr. Die Vereinsmitglieder entschieden sich für einen Neubeginn. Unter dem Namen „Together MH“, der für Solidarität und aktive Nachbarschaft stehen soll, wollen sie künftig Projekte für alle Altersgruppen entwickeln, besonders in den Bereichen Bildung, Kultur und Seniorenbetreuung.

Dass die weitere juristische Aufarbeitung nun ins Stocken geraten ist, empört Beobachter. „Die Betroffenen sehen, dass nichts passiert – eine unmögliche Situation“, sagt der neue Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Wolfgang Block.

Kommentar "Kein Haftdruck?" des Autors
Es gäbe keinen Haftdruck, sagt der Gerichtssprecher. Gewiss, Peter B. sitzt hinter Schloss und Riegel. Und es gibt andere Fälle, die dringend verhandelt werden müssen. Auch die Terminvergabe gehört zur richterlichen Unabhängigkeit. Trotzdem ist es nur schwer verständlich, dass eine Anklage von einer solchen Dimension monatelang auf einem Aktenstapel liegt. Es geht um 30-fachen, größtenteils schweren sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Opfer und ihre Eltern haben ein Recht auf eine vollständige und möglichst zügige juristische Aufarbeitung.
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