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Weltkulturerbe Schwerin : Paulskirche: Ein Gesamtkunstwerk

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

SVZ stellt die einzelnen Teile des Residenzensembles vor – Teil 2: die Paulskirche

von
erstellt am 29.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Wenn Gemeindepädagogin Kirsten Schön eine Paulskirchen-Führung für Kinder anbietet, dann staunen die Kleinen nicht schlecht, wenn die freundliche Dame plötzlich an einem kleinen Drachen in der Wand zieht und eine Metallkiste hervorholt. Das geflügelte Monster ist nur ein Griff – mit einer putzigen Schnauze, die aussieht wie eine Regenablaufrinne. Und genau das ist sie auch. „Das sind Schwitzwasserkästen, die es unter jedem Fenster hier gibt“, erklärt Kirsten Schön. „Die Feuchtigkeit von den Scheiben floss nach unten in den Schwitzkasten. Wenn er voll war, tröpfelte das Wasser an den Drachenköpfen heraus. Dann musste dringend geleert werden.“ Ähnliche Konstruktionen sind im Schweriner Schloss zu finden, Kunsthistoriker Dr. Christian Ottersbach, der für Schwerin ein wissenschaftliches Gutachten zum Residenzensemble erstellte, findet sie „bemerkenswert“.

Insgesamt hebt er auch den guten Erhaltungszustand hervor: die komplette bauzeitliche Ausmalung, das neugotische Gestühl im Kirchenschiff, die Kanzel, die Farbfenster – die Paulskirche macht auch heute noch den Eindruck eines einheitlichen Gesamtkunstwerkes.

Besucher können das von Mai bis September täglich von 11 bis 16 Uhr genießen. Wer im Winterhalbjahr in die Paulskirche möchte, der muss gegenüber im Gemeindebüro klingeln. „Ehrenamtliche sind im Sommer während der Öffnungszeiten hier, in der kalten Jahreszeit können wir das nicht stemmen“, sagt Kirsten Schön, die den SVZ-Reportern spontan die Tür geöffnet hat. Wer beten möchte, der wird aber immer eingelassen, betont sie.

Bevor sie wieder zuschließt, zeigt Kirsten Schön den Grundstein der Kirche. Er befindet sich im Jugendclub „Paulskeller“. Bevor man ihn sehen kann, müssen Stehtische zur Seite geräumt werden. „29. Juni 1863“ ist auf dem breiten Stein zu lesen. Sechs Jahre später, ebenfalls am 29. Juni, dem Namenstag von Apostel Paulus, wurde die Kirche in Besitz genommen. „Doppelt so viele Steine, wie man außen sieht, liegen im Boden“, sagt Kirsten Schön. Wegen der Bahngleise musste in einer technischen Meisterleistung ein Fundament gelegt werden, das das Zweifache der Kirchen-Baumasse umfasst.

Die Paulskirche entstand 1863 bis 1869 nach Plänen von Baurat Theodor Krüger. Großherzog Friedrich Franz II. hatte sie in Auftrag gegeben. 1862 hatte Schwerin schon mehr als 23 000 Einwohner. Weil die Stadt sich nach Westen über die Bahngleise ausdehnte, war eine neue Kirche nötig. Den finanziellen Grundstock bildete ein Spendenfonds, der eigentlich für einen neuen Domturm vorgesehen war. Friedrich Franz II. zahlte drei Viertel des Baus.

Die Paulskirche orientiert sich in ihrem Stil am Dom mit Querhaus und Westturm. Das Dachwerk besteht vollständig aus Eisen. Für den Großherzog gibt es an der Südseite einen eigenen Eingang, verziert mit einem Relief des Dornen gekrönten Christus. Von hier gelangte die Familie schnell in die Fürstenloge im Altarraum mit ihrem aufwändigen neogotischen Baldachin. Auf den Stuhllehnen findet man noch heute das Monogramm „FF“.

Die Paulskirche ist auch ein in Stein gehauener Ausdruck von Herrschaftspolitik. Friedrich Franz II. wollte hier das Gottesgnadentum seiner Herrschaft verdeutlichen, schreibt Dr. Ottersbach: „Friedrich Franz sah sich gemeinsam mit seinem Berater, dem Theologen Theodor Kliefoth, als Erneuerer des Luthertums und suchte in der Stärkung der Religion ein Gegengewicht zu den liberalen, demokratischen und sozialreformerischen Strömungen zu bilden, um seine Untertanen an Monarchie und alte Ordnung zu binden.“



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