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Knapp 400 historische Schweriner Akten zerstört : Papierfraß bedroht das Bau-Archiv

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Im Schweriner Stadtarchiv geht der Papierfraß um - akut bedroht ist vor allem das Bauaktenarchiv. Rund 500 alte Pläne aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind dadurch heute kaum mehr zu gebrauchen.

svz.de von
erstellt am 05.Okt.2012 | 11:18 Uhr

Ostorf | Romantiker nennen ihn ein wenig lyrisch den "Zahn der Zeit", Praktiker oder Restauratoren sprechen bedrohlich vom "Papierfraß". Gemeint ist damit die Auflösung von Papier durch Alter, Säure, unsanfte Behandlung oder gleich alles zusammen. Schon vor Jahren schlugen deutsche Bibliotheken Alarm: Rund 60 Millionen Bücher galten als nicht mehr nutzbar, weil ihr Papier zu brüchig ist. Doch nicht nur die Bibliotheken sind betroffen. Im Schweriner Stadtarchiv geht der Papierfraß ebenfalls um - akut bedroht ist vor allem das Bauaktenarchiv. Rund 500 alte Pläne aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind dadurch heute kaum mehr zu gebrauchen. Damit geht nicht nur einzigartiges Kulturgut verloren. Viele der aufgezeichneten Häuser stehen heute noch, die Originalpläne sind wichtig und gefragt bei denkmalgerechten Sanierungen.

Immerhin: 125 dieser alten Bögen konnten Dank einer Bundesförderung restauriert und damit gerettet werden. Dann versiegte das Geld aber erst mal für Archiv-Chef Dr. Bernd Kasten und Co. Am morgigen 6. Oktober jährt sich zum achten Mal der nationale Aktionstag für die Erhaltung schriftlichen Kulturgutes. In der Bayerischen Staatsbibliothek tagen aus diesem Anlass die Experten. In Schwerin schauen Dr. Kasten und Rainer Blumenthal betrübt in eine Sammlung fein gerissener Pergament stücke: knapp 400 Baupläne, die über viele Jahrzehnte in gefaltetem Zustand im Archiv gelegen haben. An den Faltstellen brechen sie heute einfach auseinander. Zudem war das meiste Papier offensichtlich von minderen Qualität, schimmert ganz braun, dünn und unansehnlich, ist vielleicht nur eine Pause vom Original, vermuten die Experten. Trotzdem sind sie einzigartige Zeugen der Stadtbau-Geschichte, müssten dringend sortiert, zusammengesetzt, auf säurefreies Papier geleimt und in säurefreien Mappen flach gelagert werden. Mehrere 10 000 Euro würde diese Rettungsaktion kosten, denn sie ist aufwändige Handarbeit. Für die Restaurierung der 125 bereits erhaltenen Schweriner Pläne hat eine Expertin in der Nähe von Berlin volle zwei Monate gebraucht.

"Das nötige Geld haben zurzeit aber weder die Stadt, zu der wir ja gehören, noch das Land", sagt Dr. Kasten. Aufgeben möchte er trotzdem nicht. Obwohl sein letzter Förderantrag beim Bund abgelehnt worden ist, hat er jetzt wieder einen neuen verfasst. Eines seiner schlagendstes Argumente ist dabei der anstehende Weltkulturerbe-Antrag. Denn die Häuser, die auf den zerfallenen Papieren aufgezeichnet sind, befinden sich fast alle im historischen Residenz-Ensemble-Bereich rund ums Schloss. Die gut erhaltenen Originalzeichnungen der Architekten machen den Wert noch größer.

"Aus unserer Sicht sind die Baupläne jedenfalls von großem öffentlichen Interesse", sagt Kasten, dem das Land fürs Bauarchiv einst einen Zuschuss verweigert habe, weil der Schweriner Bestand keine Bedeutung für das Land habe. "Diese Begründung der Ablehnung hat mich wirklich geärgert", sagt Kasten.

Wie wichtig alte Baupläne auch im Jahr 2012 noch sind, zeigt derzeit das Beispiel Werderklinik: Die Unterlagen hat Rainer Blumenthal immer griffbereit, schließlich werfen gerade sehr viele Interessenten einen Blick auf den historischen Komplex. Den Demmlerbau und den Hamannsche Erweiterungsbau möchte die VR-Bank sanieren und künftig als Hauptsitz nutzen (SVZ berichtete). Die Pläne im Stadtarchiv helfen Architekten und Projektplanern ein großes Stück weiter - sie sind nämlich auf säurefreiem, dickem Papier geschrieben, coloriert, in Mappen schonend gelagert und gepflegt worden. Genau so gut sollen es irgendwann einmal auch die Pläne der weniger imposanten, aber ebenfalls schönen Häuser in der Innenstadt haben.

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