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Tausende alte Aufnahmen : Papierfoto vor Aussterben retten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Volkskundemuseum Mueß lagert eines der größten Bildarchive des Landes: Die Fotografien sollen bald ins Internet gestellt werden

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2014 | 12:00 Uhr

Gemeinsam in Fotoalben zu blättern, ein schon ganz abgegriffenes Bild der Liebsten im Portmonee zu tragen oder lange Urlaubs-Dia-Abende über sich ergehen zu lassen – all das gehört für den Neuzeithistoriker bereits ins Reich der Geschichte. Denn: Seitdem es die digitale Fotografie gibt, ist das lang geliebte Papierbild wie auch das Dia auf dem Rückzug, fast schon vom Aussterben bedroht. Im Volkskundemuseum Mueß indes werden diese Alltagsschätze gesammelt. Rund 70 000 Fotos, schätzt Volker Janke, befinden sich aktuell dort im Archiv. „Das dürfte eines der größten Fotoarchive in der Museumslandschaft MV sein“, sagt Janke.

Der Schweriner Volkskundler steht dem Arbeitskreis Fotografie im Landesmuseumsverband vor. Dessen großes Ziel ist es, die gesammelten Bilder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, also auch Nicht-Wissenschaftler in den Beständen online recherchieren zu lassen.

Etwa 300 000 Fotos werden in den Museen des Landes aufbewahrt. Bevor aber auch Otto Normalverbraucher darin stöbern kann, müssen sie digitalisiert und inventarisiert werden. Was sich für den Laien recht schlicht anhört, ist für den Historiker ein kniffliges Unterfangen. Da geht es um Fragen wie Erstellungsdatum – das Computerprogramm erkennt kein Entstehungsjahr vor 1929 – oder den richtigen Ortsnamen: Benutzt man Bezeichnungen wie Mecklenburg-Strelitz, Pommern und Ostpreußen oder einigt man sich auf die heutigen Benennungen? Solche und viele ähnliche Fallstricke lauern bei jedem einzelnen Bild. Sinn wird das geplante Online-Archiv nämlich nur ergeben, wenn die Bilder nach abgestimmten Standards abgelegt und auffindbar werden.

Im Volkskundemuseum Mueß soll eine Studentin der Bibliothekswissenschaften von September an beim Archivieren helfen. Begonnen wird mit den Fotoalben. Etwa 100 davon stehen gut verpackt in Mueß. Bereits der berühmte Volkskundler Richard Wossidlo begann vor gut 90 Jahren damit, sie zu sammeln. Heute gibt es Schenkungen aus Privathaushalten, manchmal nehmen die Historiker ein Album vom Flohmarkt mit, wenn sie volkskundlich interessante Aspekte darin erblicken. „Dabei geht es uns oft um die Dinge hinter dem eigentlichen Motiv“, sagt Janke. „Wird beispielsweise ein Pärchen im Schlossgarten gezeigt, interessieren wir uns neben den Menschen auch für die Bepflanzung und das Aussehen des Schlossgartens.“

Von den 100 Alben hat Janke aktuell zehn digitalisiert, die Praktikantin soll, so der Wunsch, bis zum Jahresende die ganze Sammlung schaffen. Doch damit ist die Arbeit noch längst nicht zu Ende: Zum Mueßer Bestand gehören die Bildnachlässe der Photographischen Gesellschaft Schwerin, der Betriebsfotogruppen des VEB Hydraulik sowie des Wohnungskombinates Schwerin, umfangreiche Fotografennachlässe sowie etwa 5500 großformatige Glasdiapositive. Ausschnitte der Sammlung wurden in mehreren Ausstellungen in Mueß – Geschichte der Photographischen Gesellschaft, Geschichte der Diaprojektion, Geschichte der Laterna Magica – und in einer gemeinschafts-Wanderausstellung „Welch herrliches Helldunkel“ zur Frühzeit der Fotografie gezeigt.

Das älteste Foto, das die Volkskundler in Mueß besitzen, stammt vermutlich aus der Zeit um 1845. Es ist eine so genannte Daguerrotypie auf Silberplatte, angefertigt von einem bisher unbekannten Fotografen. Sie zeigt einen Mann in einer Uniform der Lübecker Schutzmannschaft, in der typisch steifen, ein wenig unheimlich starren Haltung, die man aus Fotos der Pionierzeit kennt. „Die Abgebildeten mussten dafür ja auch fast eine halbe Stunde ganz still stehen“ erzählt Volker Janke. „Weil das niemand ohne Blinzeln aushält, sehen auf den Aufnahmen oftmals die Augen ein bisschen gruselig aus.“

Die Daguerrotypie von 1845 wurde gerade beim Zentrum für Fotorestaurierung in Berlin wieder auf Vordermann gebracht, Korrosionen auf der Oberfläche wurden mit Hilfe von Elektrolyse beseitigt, das Bild unter Glas verschlossen. Jetzt muss es noch den Weg ins Online-Fotoarchiv finden.


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