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Missbrauchsskandal Schwerin : Offene Jugendarbeit auf Prüfstand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach Missbrauchsskandal beim Verein Power for Kids: Verwaltung will freie Träger motivieren, eigene Schutzmechanismen zu kontrollieren

svz.de von
erstellt am 12.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Der Täter ist verurteilt, jetzt beginnt die Arbeit. Denn Peter B. hat sich an mindestens 15 Jungen im Alter zwischen 7 und 13 Jahren vergangen. Tatorte waren auch Vereinsräume von Power for Kids. Der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses der Stadt, Peter Brill (Linke), spricht vom „Staat im Staat“ und von „unausgesprochenen Regeln“, wenn er die Strukturen von Power for Kids analysiert. Schließlich war es Peter B., dem Vereinsgründer und langjährigen Leiter, über Jahre möglich, im Verein seine minderjährigen Opfer zu finden und sogar dort zu missbrauchen.

Die Hilfen, damit so etwas bei Power for Kids nie wieder passieren kann, sind angelaufen. Jugenddezernent Andreas Ruhl hat gemeinsam mit Caritas-Chef Rudolf Hubert (CDU), ebenfalls Mitglied im Jugendhilfeausschuss der Stadt, eine so genannte Supervision der Vereinsarbeit auf den Weg gebracht. Schulungen der Mitarbeiter, Gründung eines Begleitbeirates sowie die Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes stehen ebenfalls auf dem Programm.

Aber auch Kinder selbst sollen in den Jugendtreffs der Stadt fürs Leben lernen. „Kinder stark machen, damit sie sich als starke Persönlichkeiten gegen solche Übergriffe wehren und sie anzeigen, auch das ist Aufgabe von offenen Treffs der Kinder- und Jugendarbeit. Genau dies ist im Verein Power for Kids wohl leider nicht geschehen“, sagt Peter Brill.

Und sein Jugendhilfeausschuss-Kollege Ralf Ascher geht noch einen Schritt weiter: Der AfD-Vertreter hält „ein Schutzkonzept gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in allen Vereinen der Kinder- und Jugendarbeit für notwendig“.

Ganz so weit geht Dezernent Ruhl nicht. Ein Schutzkonzept sei „die richtig hohe Schule“, was bei der Erarbeitung einen hohen personellen und finanziellen Aufwand erfordere. „Aber wir wollen und werden die freien Träger der offenen Jugendarbeit sensibilisieren und motivieren, sich dieses Themas anzunehmen“, sagt Ruhl.

Der am 17. Februar erstmals tagende Sonder-Ausschuss, der das Verhalten der städtischen Mitarbeiter im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal bei Power for Kids aufklären soll, wird die Verantwortung der freien Träger mit Sicherheit ebenfalls genau untersuchen. So war es auch nach dem Hungertod von Lea-Sophie im Jahr 2007. Auch damals hatte der Sonder-Ausschuss nicht nur Empfehlungen für das Jugendamt abgegeben, sondern auch für die Jugendarbeit und den Schutz vor Kindeswohlgefährdung insgesamt.

Für das Schweriner Jugendamt gilt es zu klären, ob ein weiterer Missbrauch durch Peter B. hätte verhindert werden können, da bereits im Januar vergangenen Jahres Informationen zum Missbrauch vorlagen. Da aber weder der Verein Power for Kids noch Polizei oder Staatsanwaltschaft durch die Stadt oder die Jugendarbeiter informiert wurden, hatte es noch bis August gedauert, ehe Peter B. verhaftet wurde (SVZ berichtete).

An einer Überarbeitung und mangelndem Personal, wie 2007 als Lea-Sophie starb, dürften die Fehler im Jugendamt nicht gelegen haben. Die Fallzahlen pro Mitarbeiter lagen 2007 durchschnittlich bei 56. Zu den Fällen gehören Beratungsleistungen durch die Sozialpädagogen, die Bearbeitung von Anträgen auf Hilfe zur Erziehung, ambulante und stationäre Hilfe zur Erziehung sowie Verfahren vor dem Familiengericht, in Bezug auf Trennung, Scheidung und Umgangsrecht. Nach Umstrukturierungen lag die durchschnittliche Zahl der Fälle pro Mitarbeiter im Jugendamt 2008 bei 36. Heute sind es nach Auskunft der Stadt durchschnittlich 44.

Bei ungefähr dieser Zahl sieht Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, auch die Höchstgrenze des Machbaren. „Es geht auch anders: In Stuttgart liegt die Fallzahl beispielsweise bei 20“, sagt Becker. Aber es gibt auch das andere Extrem: „In Berlin-Mitte beträgt der Durchschnitt 160 Fälle pro Mitarbeiter.“

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