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Hilfe für mehr als 100 Patienten am Tag : Notaufnahme – eine Klinik im Kleinen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unfall, Herzprobleme, Atemnot: Oberarzt Dr. Frank Liebenow und sein Team kümmern sich täglich um mehr als 100 Patienten

svz.de von
erstellt am 22.Jan.2014 | 23:46 Uhr

Es klingelt. Dr. Frank Liebenow, leitender Oberarzt der Zentralen Notaufnahme an den Helios-Kliniken in der Landeshauptstadt, greift zum Telefon, das er immer bei sich trägt. Vom Rettungsdienst wird ein neuer Patient angekündigt. Der Schweriner klage über Schmerzen in der Brust, habe bereits einen Herzinfarkt gehabt, trage einen Bypass, erfährt Dr. Liebenow. Wenige Minuten später wird der Mann eingeliefert. Es ist 14.50 Uhr – rund 70 Patienten sind an diesem Tag schon in der Notaufnahme behandelt worden.

Schwester Cordula und Schwester Kathleen kümmern sich um den herzkranken Schweriner, nehmen Blut ab, schließen ihn im Wachzimmer an einen Monitor an, auf dem alle wichtigen Vital-Funktionen angezeigt werden – Puls, Blutdruck, Sauerstoff-Sättigung im Blut, Atemfrequenz und ein EKG. Herz und Lunge werden geröntgt. „Es gibt keine Hinweise auf einen neuen Infarkt“, sagt Dr. Liebenow. Dem Patienten geht es auch wieder etwas besser. Trotzdem bleibt er zur Beobachtung vorerst im Wachzimmer.

Drei solcher Zimmer mit insgesamt zehn Betten gibt es in der Notaufnahme. Jedes Bett ist mit einem Überwachungsmonitor ausgestattet. Erkrankte können beatmet und über die Vene mit Medikamenten versorgt werden. Für Schwerverletzte und Patienten, die reanimiert werden müssen, gibt es drei so genannte Schockzimmer, von denen ein Zimmer auch als OP-Raum dient. Auch ein Röntgenzimmer und ein Gipsraum gehören zur Station. „Die Notaufnahme ist ein Krankenhaus im Kleinen“, erklärt Dr. Liebenow.

Rund 36 500 Patienten wurden im Jahr 2013 in der Notaufnahme behandelt, durchschnittlich 110 am Tag. „Statistisch gesehen erreicht uns alle 14 Minuten ein Patient“, berichtet der Oberarzt. Durchaus nicht alle Kranken und Verletzten kommen mit dem Rettungswagen – und durchaus nicht alle Patienten gelangen gleich ins Schock- oder Wachzimmer. Es gibt eine Wartezone für Patienten, die liegen müssen, und eine Zone für Patienten, die noch sitzen können.

Wer an diesem Tag auf eigenen Beinen in die Notaufnahme kommt, wird am Eingang von Schwester Annika in Empfang genommen. Patienten mit Husten und Schnupfen zum Beispiel werden an den Kassenärztlichen Notdienst weitergeleitet, der im Krankenhaus-Gebäude ebenfalls seine Räume hat. Über die Reihenfolge der Behandlung in der Notaufnahme entscheidet die Art der Beschwerden. „Manchester-Triage-System“ nennt sich das Computer gestützte Verfahren, mit dessen Hilfe die Symptome abgefragt und eingeschätzt werden.

Neun Behandlungszimmer gibt es in der Notaufnahme. Spezielle Räume stehen für Frauenärzte und Kinderärzte zur Verfügung. Die weiteren Zimmer teilen sich Internisten, Chirurgen, Neurologen, Urologen und Mediziner anderer Fachrichtungen. „Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Behandlung beträgt 150 Minuten. Damit liegen wir im Bundesmittel“, betont Dr. Liebenow.

Das Telefon des Oberarztes klingelt wieder. Ein junger Schweriner mit Verdacht auf Drogen-Vergiftung befinde sich auf dem Weg in die Notaufnahme, meldet der Notarzt, der an diesem Tag für den Dreesch zuständig ist. „Was haben Sie geraucht? Nehmen Sie Medikamente?“, möchte Dr. Liebenow von dem Schweriner bei seinem Eintreffen wissen. Der Oberarzt lässt Blut und Urin des Patienten untersuchen.

Seit November 2009 leitet Dr. Liebenow die Notaufnahme. „Jedes Jahr haben wir rund 2000 Patienten mehr als im Jahr davor“, berichtet der 45-Jährige, der von Haus aus Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin und spezielle Intensivmedizin ist. Ursachen für die stetige Zunahme seien die demografische Entwicklung, aber auch die veränderte Organisation des Rettungsdienstes. „Immer mehr kleinere Krankenhäuser specken ab“, so Dr. Liebenow. So steuerten bereits Fahrzeuge aus 15 Rettungswachen weit über die Landeshauptstadt hinaus die Schweriner Notaufnahme an.

„Frank, komm mal schnell!“ Schwester Mandy ruft den Oberarzt ins Wachzimmer 2. Bei einer 92-jährige Patientin ist die Herzfrequenz unter 30 gesackt. Dr. Liebenow verabreicht ein Präparat, das den Puls wieder in Schwung bringen soll. Die alte Dame hat aber auch noch gesundheitliche Probleme, sie leidet an einer Lungenentzündung und auch ihre Nieren arbeiten nicht mehr richtig. Während der Oberarzt noch überlegt, auf welcher Station die Frau am besten weiterbehandelt werden kann, kündigt der Rettungsdienst per Telefon eine Patientin mit extremer Atemnot an. Wie sich herausstellt, hat sie einen Asthma-Anfall, muss über eine Maske beatmet werden.

Ein paar Stunden Schlaf verordnet Dr. Liebenow einer Frau, die gegen 18.30 Uhr in die Notaufnahme gerollt wird. 2,9 Promille Alkohol im Atem hat die Schwerinerin schon am frühen Abend. In einem Treppenhaus im Mueßer Holz war sie von den Rettungssanitätern gefunden worden.

Nur ein Gläschen Sekt hat Joachim Marohl an diesem Abend getrunken. „Aber dieses Glas ist mir wohl nicht bekommen“, sagt der 75-Jährige aus Golßen in Brandenburg, der erst vor ein paar Monaten am Herz operiert wurde. Den 50. Geburtstag seines Neffen wollte Marohl in Schwerin feiern, im Lokal bekam er jedoch plötzlich einen Schwächeanfall und wurde deshalb ins Krankenhaus gebracht. Dank der Betreuung durch Dr. Liebenow und Schwester Marion kann der Brandenburger aber um 20 Uhr schon wieder lachen.

Auch der Oberarzt ist erleichtert. Bis 8 Uhr am nächsten Tag muss er noch arbeiten. 24 Stunden hat der Dienst dann gedauert. Ja, der Job bringe Belastungen mit sich, sagt Dr. Liebenow. Aber er habe auch seinen Reiz. „Es gibt keine Routine. Man weiß nie, was in den nächsten Minuten passiert.“

 

 

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