TV im Unterricht : Nicht wie im richtigen Leben

„Damit die Zuschauer etwas zu lachen haben“: Auch DSDS – wie hier mit dem Liebespaar Sarah und Pietro – muss in den Lehrstunden des Sozialarbeiters herhalten.
„Damit die Zuschauer etwas zu lachen haben“: Auch DSDS – wie hier mit dem Liebespaar Sarah und Pietro – muss in den Lehrstunden des Sozialarbeiters herhalten.

Superstars, Supermodel, Gerichtsshows: Sozialarbeiter Tobias Neumann entlarvt zusammen mit Schulklassen Reality-TV

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18. November 2014, 14:00 Uhr

Erinnern Sie sich noch an den ersten Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“? Laufen Heidi Klums Topmodels wirklich in der Spitzenliga mit? Oder sind die angeblichen Stars in Wirklichkeit Eintagsfliegen? Und wozu sind Casting-Shows gut? Oder weiter gefragt: Wie real ist Reality-TV? Sozialarbeiter Tobias Neumann stellt sich nicht nur selbst diese Frage, sondern diskutiert diese Art des Fernsehens auch mit Schülern.

Zwei Doppelstunden dauert sein Programm, mit dem er auf amüsante, fast kriminalistische Art klar macht, dass Reality-Fernsehen zwar unterhaltsam sein kann, aber meistens nur wenig mit dem echten Leben zu tun hat. SVZ besuchte seinen Unterricht.

Lena Meyer-Landrut kennen wir als erfolgreiche Sängerin. Ihren ersten Fernsehauftritt hatte die Hannoveranerin allerdings bei „Richter Alexander Hold“. Da hieß sie Carola Tietke, war angeblich schwanger und unterbrach vom Zuschauerraum aus die Verhandlung. Gestartet sind die Gerichtsshows mit dem Versprechen „echte Fälle, rechtskräftige Urteile, keine Schauspieler“ – irgendwie stimmt das auch. Trotzdem sehen wir Laiendarsteller, die einen gelernten Text sprechen. Das Drehbuch beinhaltet regelmäßig Brüllereien, unangemeldet hereinstürmende Zeugen, pöbelnde Jugendliche – Alltag pur oder tumbe Nachmittags-Dramatik? Immerhin: Richter und Anwälte sind echt. Die Statisten tauchen in anderen Sendungen immer wieder auf. Oder beim Song-Contest.

Obwohl sich am Anfang kaum ein Finger hob bei der Frage, wer Gerichtsshows guckt, kommt beim Anspielen verschiedener Szenen schnell ein Gespräch auf – über andere Fernsehfälle, über Statisten, über den Richter, über eigene Gerichts-Erfahrungen. Alle kennen nun doch Barbara Salesch oder Alexander Hold – aber alle sagen auch: „Das ist doch nur geschauspielert.“ Und: „Das machen die nur, um bessere Einschaltquoten zu bekommen.“

Rund 50 Prozent der Fernsehfälle drehen sich um Körperverletzung, sagt Tobias Neumann, im echten Alltag sind es eher fünf Prozent. Nur drei Prozent der Folgen behandeln Verkehrsdelikte – tatsächlich sind es 30 Prozent.

Über die Super-Nanny und ihre Erziehungsmethoden hat die Klasse in der ersten Stunde gesprochen, ebenso über konstruierte Lebenswelten bei Auswanderern oder Superreichen wie den Geissens. Auch das, was im Fernsehen als reale Arbeitswelt verkauft wird, entspringt vor allem den Hirnen von Autoren und der Jagd nach Quoten. Genau deshalb müssen sich bei „Deutschland sucht den Superstar“ auch untaugliche Kandidaten vor laufender Kamera von Dieter Bohlen demütigen lassen. „Damit das Publikum was zu lachen hat“, sagen die Schüler, die die simplen Tricks schnell durchschauen. Auch dass im Dschungelcamp der gefährliche Naturteich ein mit Folie ausgelegter Pool ist, überrascht sie nur wenig.

Das Reality-TV-Projekt ist nur eines von vielen, das der Sozialarbeiter mit Schwerpunkt Medienbildung anbietet. Auch der Frage von Gewalt in Film und Fernsehen geht er nach und nimmt sich dabei unter anderem den „König der Löwen“ genauer vor. Außerdem bietet er einen Facebook-Kurs an, der erschreckend schnell klarmacht, wie viele Daten, Fotos und persönliche Statements auch uneingeladene Besucher aus dem Netz holen können.

Angestellt ist Tobias Neumann bei der Sozial-Diakonischen Arbeit – Evangelische Jugend. Doch er kommt dorthin, wo er gebraucht wird. So am Berufsschulförderzentrum in der Friesenstraße, wo Christin Lischka die zuständige Schulsozialarbeitin und beim Internationalen Bund angestellt ist. Sozialarbeit beschreiben beide als sehr komplexes Feld mit ganz individuellen Problemlagen und Lösungsansätzen.

Es bedeutet für sie aber auch, nicht nur einzugreifen, wenn ein Fall akut wird, sondern vorzubeugen. Zum Beispiel mit dem Wissen um Gefahren und Täuschungsmanöver in Internet und Fernsehen. Und wenn Tobias Neumann darüber fachsimpelt, macht diese Wissensvermittlung sogar viel Spaß.


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