Hartes Urteil vom neuen Intendaten : „Nicht nur Tingel-Tangel-Theater“

Das Staatstheater lockt derzeit mit seiner Sommer-Oper „La Traviata“ viele Besucher nach Schwerin. Die Schlossfestspiele sollen bleiben.
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Das Staatstheater lockt derzeit mit seiner Sommer-Oper „La Traviata“ viele Besucher nach Schwerin. Die Schlossfestspiele sollen bleiben.

Künftig leichtere Kost auf der Schweriner Bühne: Neuer Intendant Lars Tietje will Quote mit publikumswirksamen Inszenierungen

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08. Juli 2015, 06:30 Uhr

Wohin steuert das Mecklenburgische Staatstheater mit dem künftigen Intendanten Lars Tietje, der nächstes Jahr sein Amt antritt? Seine ersten  Personalentscheidungen hatten für Aufregung in der Stadt gesorgt. Entsprechend groß war das  Interesse der Schweriner an der Podiumsdiskussion  im Haus der Kultur. Auch an diesem Abend sorgte Tietje für Gesprächsstoff. Sein Konzept: mehr Quote mit leichterer Kost.

Zur Vorstellung der Neuausrichtung hatte der  Kulturrat  neben Tietje den Aufsichtsratsvorsitzenden der Theater gGmbH, Stephan Nolte, und die Vertreterin der Landeshauptstadt   als Mehrheitseigner, OB Angelika Gramkow, eingeladen. Nolte berichtete, warum die Wahl auf Tietje gefallen war: „Wir wollten Kontinuität, keinen Bruch, sondern behutsame Weiterentwicklung.“  Dieses Ziel indes wurde wohl gründlich verfehlt.

Nicht nur, dass der designierte Intendant  faktisch fast die gesamte Leitungsebene  auswechselt, auch in der künstlerischen Belegschaft wird es massive Veränderungen geben. Doch  Tietje konnte dies erklären. Allerdings zeigte er sich verwundert, wie sehr Theaterangelegenheiten die  Schweriner  bewegen: „Das ist ein Riesenunterschied zu Nordhausen.“ Dort hätten  Nichtverlängerungen von Verträgen  keinen interessiert. Denn diese Praxis sei an allen Theatern üblich. Notwendig seien die geplanten  Veränderungen, weil er das Schweriner Theater auf eine andere künstlerische Schiene setzen wolle, sagte Tietje und erläuterte: „Langfristig werden wir weniger durch den Stellenabbau, der auch den künstlerischen Bereich betrifft. Dadurch verändern sich die Anforderungen.“ Beispiel Ballett: Er  wolle   weg vom klassischen Ballett mit Synchrontanz in Richtung Tanztheater, so Tietje.  Oder Schauspiel: Dort wolle er an die großen Traditionen  des Hauses anknüpfen. Also weg vom Musical.  Auch das Musiktheater brauche mehr Profil.  „Hier fehlt ein Regiehandwerker, der die Oper wieder hochbringt.“

Erreichen will der künftige Intendant dies durch neue Leitungsstrukturen, mit denen bisherige „Verwerfungen“ beseitigt werden. „Alle Sparten werden gleich behandelt, alle bekommen künstlerische  Leiter, die selbst inszenieren oder  choreografieren. Und darüber gibt es einen Chefdramaturgen“, sagte er zur Struktur.

Beifall bekam Tietje für die Ankündigung, die Theaterpädagogik auszubauen, und das Versprechen, Theater für die Menschen zu machen. „Wir brauchen  keine Skandalinszenierungen, sondern eine verlässliche Ästhetik. Wir werden nicht nur Tingel-Tangel-Theater machen.“

Nicht nur, aber auch? Heiko Schön, Lehrer am Goethegymnasium, äußerte die Befürchtung,  dass künftig nur noch auf Zuschauerzahlen geschaut werde und  das Denken  außen  vor bleibe. Das Publikum im Saal applaudierte. Ataraxia-Chef Hans Ulrich Krah sagte, dass ihm Leuchttürme fehlten. Die sollen die Schlossfestspiele sein, versprach Tietje.  Allerdings stehe nicht fest, ob sie als große Oper fortgeführt werden oder andere Formate wie etwa Operetten gefunden werden müssten.

 Ob Tietje die Schweriner auf seine Reise mitnehmen kann, wird sich zeigen. Fest steht: „Schwerin hat ein Herz für sein Theater und interessiert sich sehr für dessen Entwicklung“, betonte Angelika Gramkow.

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