Patientenakademie der Helios Klinik Schwerin : Nicht jeder Fall gehört in die Notaufnahme

Im neuen Schockraum in der Notaufnahme können Dr. Michael Selbach und sein Team jetzt auch instabile Patienten mit Hilfe eines CT untersuchen.
Im neuen Schockraum in der Notaufnahme können Dr. Michael Selbach und sein Team jetzt auch instabile Patienten mit Hilfe eines CT untersuchen.

Chefarzt Dr. Michael Selbach erklärt, wer in die Notaufnahme gehört – und wer nicht.

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28. Oktober 2020, 11:45 Uhr

Schwerin | Mit Blaulicht fährt der Krankenwagen vor. Die Türen am Heck öffnen sich, ein Rettungssanitäter springt heraus und zieht die Bare mit einem Schwerverletzten heraus. Sofort eilen die benachrichtigten Ärzte und Pfleger hinzu und übernehmen den Patienten. Sie arbeiten in der zentralen Notaufnahme der Schweriner Helios-Kliniken. Szenen wie diese, gibt es häufiger im Film als in der Realität, sagt Chefarzt Dr. Michael Selbach. Unter seiner Aufsicht wurden im vergangenen Jahr 45000 Patienten in der Notaufnahme behandelt. Und jährlich kämen im Schnitt etwa fünf Prozent hinzu. Zu viele, denn einige Patienten müssten gar nicht in die Notaufnahme. SVZ-Redakteur Sebastian Kabst sprach mit Dr. Michael Selbach über die Abläufe und die Auswirkungen von Corona.

Herr Dr. Selbach, wann gehört ein Patient in die Notaufnahme? Und wann nicht?
Wessen Hilfebedürfnis so hoch ist und wer sich selbst als Notfall sieht, sollte sich zunächst an seinen Hausarzt bzw. außerhalb der Sprechzeiten an dessen Vertretung - den kassenärztlichen Notdienst - wenden. Dieser ist unmittelbar vor der Notaufnahme angegliedert, alternativ telefonisch unter 116117 zu erreichen. Mit diesem arbeiten wir eng zusammen und er ist erste Anlaufstelle. Alle lebensbedrohlich Erkrankten gehören sofort in die Notaufnahme. Den Unterschied zu erkennen, ist für den Laien oft schwer.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Wer seit drei Wochen Schmerzen in seinem großen Zeh hat, wird vermutlich nicht sofort daran sterben. Das kann sich bei nächster Gelegenheit ein Hausarzt ansehen, denn er ist in unserem Gesundheitssystem der Weichensteller. Wenn jemand aber seit drei Wochen Schmerzen in der Brust hat, könnte das schon für einen Herzinfarkt sprechen, im Zweifel lieber gleich in die Notaufnahme.

Und wie viele Patienten kommen mit ihren Schmerzen im Zeh trotzdem in die Notaufnahme?
Leider zu viele. Wir behandeln täglich etwa 135 Patienten in der Notaufnahme. Studien belegen, dass ein Großteil auch vom Hausarzt hätte behandelt werden können. Dies führt unweigerlich zu verlängerten Wartezeiten aller Patienten, denn wer hilfsbedürftiger ist, wird als erstes behandelt.

Wie entscheiden Sie, wer wann behandelt wird?
Hier gibt es gesetzliche Vorgaben. Beim Eintreffen findet eine Ersteinschätzung, die so genannte Triage statt. Hier nimmt eine erfahrene Pflegekraft an Hand von Symptomen und Werten nach international anerkanntem Schema eine Einschätzung bezüglich Dringlichkeit vor, erfasst alle für uns wichtigen Werte und ordnet den Patienten einer farblich hinterlegten Kategorie zu. Diese reicht von „rot - sofort“ bis „blau - nicht dringend“.

 

Das heißt, wenn es viele Notfälle gibt, muss ich mit einer kleineren Verletzung warten?
Genau. Wir behandeln immer nach medizinischer Dringlichkeit, nicht in der Reihenfolge, in der Patienten in der Notaufnahme erscheinen. Manche Patienten wählen die 112, um mit dem Rettungswagen eingeliefert zu werden und so vermeintlich schneller behandelt zu werden. Dies ist definitiv nicht der Fall, alle Patienten werden triagiert und nach Dringlichkeit versorgt. So kann es bei niedriger Dringlichkeit und hohem Patientenandrang zu längeren Wartezeiten kommen. Im Schnitt ist ein Patient etwa drei bis vier Stunden bei uns. Wir arbeiten aber stetig an unseren Prozessen und passen diese den aktuellen Gegebenheiten an.

Wie reagieren die Patienten, wenn sie lange warten müssen?
Viele haben kein Verständnis und denken nur an sich selbst. Manche gehen mein Team und mich verbal und auch tätlich an. Das gehört leider zu unserer Arbeit. Die Notaufnahme ist extra so aufgebaut, dass aus den Wartebereichen die Schockräume, also die Bereiche, in denen wir die lebensbedrohlichen Notfälle sofort behandeln und Menschen wiederbeleben, nicht einzusehen sind. Die Wartenden bekommen bewusst nicht mit, was in der Notaufnahme alles passiert. Sie sehen vielleicht mal einen Arzt an ihnen vorbeigehen und denken dann, sie seien vergessen worden.

Wurden sie aber nicht...
Ich muss es so drastisch sagen: Wer sich Gedanken machen kann, wieso er noch nicht dran ist und warten muss, sollte glücklich sein, dass er noch warten kann. Währenddessen geht es einem anderen Patienten vermutlich gerade so schlecht, dass viele Kräfte gebunden sind, um dessen Leben zu retten.

Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf Ihre Arbeit?
Wir merken, dass zeitweise weniger Patienten kommen. Einige trauen sich nicht, obwohl sie dringend in die Notaufnahme gehören. Die Sorge vor dem Virus ist groß, aber wer beispielsweise Herzinfarktsymptome wie Brustschmerzen hat, sollte definitiv so schnell wie möglich kommen. Im Zuge der Covid-19-Thematik haben wir einen eigenen Bereich zur Behandlung von Verdachtsfällen installiert, wo alle Gerätschaften vorgehalten werden, die wir auch in der regulären ZNA haben, vom Beamtungsgerät bis zum Röntgenapparat. Wer Symptome hat, wird durch unsere vorgelagerte Corona-Triage geschleust und wird dort getestet. So wird eine Durchmischung verhindert.

Hintergrund: Neuer Schockraum mit CT

Neuer Schockraum mit CT

In der zentralen Notaufnahme der Helios-Kliniken Schwerin wurde in den vergangenen Monaten ein neuer Schockraum eingerichtet. Das Besondere: Hier können auch instabile Patienten mit dem CT untersucht werden. "So können Schlaganfallpatienten noch schneller die nötige Diagnostik erhalten und wenn nötig, während der Bebilderung stabilisiert werden", sagt Dr. Michael Selbach. Ultraschallgerät, Beatmungsgerät, Spritzenpumpen, Defibrillator, Wärmestrahler, Druckinfusionssystem, Kontrastmittelpumpe sowie eine OP-Leuchte und OP-Besteck für Notoperationen runden die Ausstattung ab. "Wir haben hier sämtliches Equipment, um Schwerstverletzte nach neuestem Standard unmittelbar nach Eintreffen zu diagnostizieren, zu behandeln und sogar Not-Operationen durchzuführen", so Selbach. In den Umbau und das CT haben die Helios-Kliniken etwa drei Millionen Euro investiert.


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