Weltkulturerbe in Schwerin : Neuschwanstein im Norden

Höhepunkt des Schlossbaus im 19. Jahrhundert: Das Schweriner Schloss mit seinen vielen Details, Türmchen und Schornsteinverzierungen ist ein Traum für jeden Fotografen. Fotos: Klawitter
Höhepunkt des Schlossbaus im 19. Jahrhundert: Das Schweriner Schloss mit seinen vielen Details, Türmchen und Schornsteinverzierungen ist ein Traum für jeden Fotografen. Fotos: Klawitter

SVZ stellt die einzelnen Teile des Residenzensembles vor – Teil 4: Das Schloss

von
14. März 2016, 16:00 Uhr

Das Schweriner Schloss ist das prächtige Wahrzeichen der Stadt, ein Lieblingsfotomotiv für Touristen, eine millionenschwere Baustelle, ein Symbol für 1000 Jahre Herrschertradition. Außerdem ist es der Mittelpunkt des Welterbeantrags. Mehr als 2000 Schlösser und Herrenhäuser gibt es in MV – das Schweriner Schloss ist das bekannteste. Deutschlandweit wird es oft als „Neuschwanstein des Nordens“ bezeichnet. Die Bauten des Bayernkönigs Ludwig II. – Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee – stehen übrigens genau wie das Schweriner Residenzensemble auf der Tentativliste für den Unesco-Antrag.

Das Schloss „ist einer der letzten großen Vertreter der Bauaufgabe Residenzschloss in Deutschland bzw. Westeuropa und bildet mit Abstand einen Höhepunkt des Schlossbaus im Europa des 19. Jahrhunderts“, schreibt Kunsthistoriker Dr. Christian Ottersbach im Gutachten für die Stadt. „In seiner Architektur vereinigen sich traditionelle Vorstellungen von einer für ein Residenzschloss angemessenen Prachtarchitektur mittels der herkömmlichen Säulenordnungen und den Idealen romantischer, historistischer Architekturauffassungen, die auf ein malerisches, bewegtes Gesamtbild abzielen.“

Das Gebäude, wie wir es heute kennen, entstand von 1845 bis 1857. Doch auf der kleinen Insel ließen sich schon viel früher Herrscher nieder. Teile ihrer Baukunst sind bis heute bewahrt. So geht die ringförmige Gestalt des Schlosses auf die Wallanlage einer slawischen Burg zurück, die um das Jahr 965 errichtet wurde. 1368 wurde die Burg zur Residenz der mecklenburgischen Herzöge, zum Schloss ausgebaut wurde sie im 16. und 17. Jahrhundert. Johann Albrecht I. (1525-1576) ist beispielsweise verantwortlich für den Fassadenschmuck aus roten Terrakottaplatten – typisches Kennzeichen der norddeutschen Backsteinrenaissance. Er veranlasste auch den Neubau der Schlosskapelle als ersten protestantischen Kirchenbau Mecklenburgs.

Herzog Friedrich der Fromme (1717-1785) verlegte ab 1756 den Hof nach Ludwigslust. Als die Familie 1837 unter Großherzog Paul Friedrich (1800-1842) nach Schwerin zurückkehrte, war das Schloss baufällig. Während Paul Friedrich ein Neues Palais bauen wollte, entschied sich sein Nachfolger Friedrich Franz II. (1818-1883) für eine aufwändige Umgestaltung der alten Schlossanlage. Vier bedeutende Architekten waren mit verschiedenen Entwürfen und Konzepten beteiligt: Georg Adolf Demmler, Gottfried Semper, Friedrich August Stüler und Ernst Friedrich Zwirner. Für die überwiegende Neorenaissance-Architektur dienten vor allem französische Renaissanceschlösser als Vorbild, allen voran Schloss Chambord an der Loire.

Der Umbau sollte sich anfangs auf die gesamte Anlage erstrecken, auf Betreiben Demmlers wurden aber die vier historischen Schlossbauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert auf der Seeseite geschont. Demmler leitete den Schlossbau bis zum Jahresbeginn 1851. Dann übernahm der Berliner Baumeister Stüler die Leitung. Er bereicherte die stadtseitige Fassade durch plastische Elemente und das große Niklot-Reiterstandbild. Im Mai 1857 wurde das Schloss festlich eingeweiht.

In der Nacht auf den 15. Dezember 1913 zerstörte ein Brand rund ein Drittel des Baues. Der Burgseeflügel brannte aus, vom Schlossgartenflügel wurden die Obergeschosse verwüstet – mit ihnen der Goldene Saal und das Haupttreppenhaus.

Als der Großherzog 1918 abdankte, war das Schloss immerhin äußerlich wieder hergestellt. 1919 wurde es Staatsbesitz, ab 1921 zogen Schlossmuseum, Bauernmuseum, Hygienemuseum und Ausstellung der Archäologischen Sammlung hier ein. Außerdem gab es ein Rundfunkstudio und Büros. Nach dem Krieg besetzte die Sowjetische Militäradministration das Gebäude. Im Burgseeflügel entstand 1948 der Plenarsaal für den Landtag Mecklenburg-Vorpommern, der hier bis 1952 tagte. Von 1952 bis 1981 nutzte die Pädagogische Schule zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen den größten Teil des Schlosses. 1974 begann mit der Restaurierung wertvoller Innenräume die Nutzung als Kunstmuseum.

Seit 1990 hat der Landtag MV wieder seinen Sitz im Schloss. Nebenbei wird kräftig saniert. Die Gesamtkosten, um das Schloss im Erscheinungsbild des Historismus wiederherzustellen, werden inzwischen auf 160 Millionen Euro geschätzt.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen