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Zeitung für die Landeshauptstadt

19. November 2017 | 10:01 Uhr

Schweriner Jugendamt : Neues Konzept für Jugendarbeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dezernent setzt auf Neugestaltung des Fachdienstes / Ausschreibung der Leiterstelle heute im Hauptausschuss

von
erstellt am 06.Sep.2016 | 05:00 Uhr

Die Last wiegt schwer. Nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Lankow, deren Familie unter Beobachtung des Jugendamtes stand, geriet die Behörde 2007 bundesweit in die Schlagzeilen, Oberbürgermeister Norbert Claussen wurde abgewählt und Angelika Gramkow als neue Verwaltungschefin versprach, alles besser zu machen. Es sah auch lange danach aus, dass das mit dem Jugendamt klappen würde: Mitarbeiter wurden qualifiziert, neue eingestellt, Dienstanweisungen vereinheitlicht, namhafter externer Sachverstand eingeholt. Die Überlastung im Amt ging zurück, das „Schweriner Modell“ lockte bundesweit Interessenten aus Behörden. Jugendamts-Mitarbeiter hielten sogar Gastvorträge. Und dann im vergangenen Jahr der erneute Tiefschlag. Die komplette Führungsriege des Amtes versagte, als Missbrauchsvorwürfe im Verein Power for Kids ihnen bekannt wurden. Der inzwischen verurteilte Vereinsgründer Peter B. konnte sich dadurch noch ein halbes Jahr weiter an Kindern vergehen.

Kann es wieder vorwärts gehen? „Es wird“, sagt Jugenddezernent Andreas Ruhl überzeugt. Aber er wisse auch, dass das ein schwieriger Prozess wird. Der beginnt schon bei der Führung. Mit der Aufteilung des bisherigen Amtes für Jugend, Schule und Sport in zwei Fachdienste braucht es für den Jugendbereich einen kompetenten Chef, der von außen kommt. Doch Schwerin hat derzeit nicht den Ruf, ein attraktiver Arbeitsort für Sozialarbeiter mit Fachkenntnis und Leitungserfahrung zu sein. Dennoch: Heute Abend will Andreas Ruhl mit dem Hauptausschuss die Stellenausschreibung abstimmen und diese dann deutschlandweit platzieren.

Wie schwierig die Personalsuche ist, musste Schwerin schon leidlich erfahren. Als der frühere Jugendamtsleiter Hans-Ulrich Schmitt unerwartet gestorben war, war die Führung mehr als ein Jahr verwaist. Mit der Juristin Caren Gospodarek-Schwenk fand die Stadt im Jobcenter eine erfahrene Amtsleiterin – nur eben ohne fachliche Kompetenzen im Jugendsozialbereich. Sie will sich nun neu orientieren, auch und vor allem, weil sie ihr bedingungsloses Vertrauen in ihre fachlich versierten Mitarbeiter heute bereut, als sie die Entscheidung des früheren Abteilungsleiters mittrug und nicht die Polizei einschaltete, nachdem sie vom Missbrauchsvorwurf bei Power for Kids erfahren hatte. „Hätte ich damals das gewusst, was heute bekannt ist, hätte ich garantiert anders gehandelt“, hatte sie während des Aufklärungsprozesses zu Protokoll gegeben. Immerhin will sie die Arbeit noch weiter unterstützen bis ihr Nachfolger gefunden wird. Obwohl die erfahrene Volljuristin bereits andere Angebote hat.

Doch die Personalie der Führung soll längst nicht alles an Veränderungen sein, versichert Dezernent Ruhl. Wenngleich inzwischen Einigkeit herrscht, dass es nicht an fehlenden Dienstanweisungen lag, dass die Katastrophe geschah, sondern an Fehleistungen der handelnden Personen im Amt. „Die Handlungsvorschriften sind gut, es fehlten nur klare Anweisungen, wie bei Verdachtsfällen zu verfahren ist“, berichtet Ruhl. „Die habe ich jetzt gegeben.“ Doch als Mitarbeiter im Jugendamt einen Berg an Fällen auf dem Tisch zu haben und parallel über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr quasi indirekt am öffentliche Pranger zu stehen, lässt keinen kalt. Der Krankenstand in der Behörde ist hoch, die Motivation gering.

„Ich habe mit Hilfe von Experten aus ganz MV und dem Sozialministerium ein Konzept mit rund 70 Arbeitspaketen für die Modernisierung der Jugendarbeit in Schwerin fertiggestellt“, sagt Dezernent Ruhl. „Das setzen wir teilweise schon um, beispielsweise was die individuelle Fortbildung anbelangt.“ Demnächst werde er es mit dem Jugendhilfeausschuss abstimmen. Die einzelnen Punkte reichen von internen Workshops bis hin zu strategischen Umplanungen. So soll das Jugendamt wieder mehr in den Stadtteilen präsent sein. Ruhl will im Gegensatz zu seinem Vorgänger die Stadtteilarbeit nicht ausschließlich den Freien Trägern überlassen. Außerdem möchte er die präventiven Angebote, die es derzeit eher sporadisch gibt, zu einer kontinuierlichen festen Größe machen. „Wir werden die Jugendhilfe und den sozialpädagogischen Dienst in Schwerin neu aufstellen. Und zwar zeitgemäß und ganz modern“, sagt Ruhl. Als erfolgreicher Krisenmanager hat sich der Dezernent in der Flüchtlingskrise bereits bewährt. Jetzt steht er vor seiner nächsten großen Herausforderung.

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