Aussetzen der Wehrpflicht besiegelt auch das Ende des Zivildienstes : Neuer Freiwilligendienst als Chance

In der Zivildienstschule Barth/Gut Glück (Nordvorpommern)  üben angehende Zivis  den Umgang mit dem Rollstuhl. dpa
In der Zivildienstschule Barth/Gut Glück (Nordvorpommern) üben angehende Zivis den Umgang mit dem Rollstuhl. dpa

Auf das langsame Sterben des Zivildienstes haben Wohlfahrtsverbände bereits reagiert. Viele Stellen für Zivildienstleistende wurden und werden in Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr umgewandelt.

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12. Dezember 2010, 08:50 Uhr

Schwerin | Auf das langsame Sterben des Zivildienstes haben Wohlfahrtsverbände bereits reagiert. "Wegen der politischen Unsicherheit und Verkürzung des Zivildienstes haben die Einrichtungen viele Zivi-Stellen in FSJ-Plätze umgewidmet", sagte Katrin Mirgeler vom Diakonischen Werk Mecklenburg-Vorpommern. So engagierten sich im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) 2010 bei der Diakonie 160 Jugendliche, 30 mehr als 2009.

Zivis im Zwangsdienst hingegen gebe es kaum noch, so Diakonie-Sprecher Carsten Heinemann. Die Dienstzeit von zuletzt einem halben Jahr reiche nicht aus, um sich einzuarbeiten und Vertrauen zu den meist älteren Heimbewohnern aufzubauen. "Es geht hier um die Arbeit mit Menschen", betonte Mirgeler. "Sechs Monate sind nichts Halbes und nichts Ganzes." So hätten sich bereits einige Wehrdienstverweigerer bewusst für ein FSJ als Ersatz für den kürzeren Zivildienst entschieden - und das trotz einer auf ein Drittel reduzierten Vergütung.

Als Chance sieht Mirgeler daher das neue Bundesfreiwilligenjahr, das ab Juli den Zivildienst ersetzen und - anders als das FSJ der Jugendlichen - für jedes Alter möglich sein soll. Ältere Ehrenamtliche ab 50 oder 60 Jahren könnten nun ebenso gewonnen werden wie Leute, die "in der Mitte ihres Lebens" für ein Taschengeld eine neue Orientierung suchten oder die Rückkehr ins Berufsleben anstrebten - mit einer Arbeit in Kirchgemeinden, Sportvereinen oder auch klassisch in Kliniken, Kitas oder Heimen.

Neue Zielgruppen haben auch die Katastrophenschützer des Technischen Hilfswerks (THW) mit dem neuen Freiwilligendienst ins Visier genommen. Das THW werde künftig "älter und weiblicher" werden, sagte eine Sprecherin in Kiel. Im Hilfswerk engagieren sich in Mecklenburg-Vorpommern derzeit 220 von der Wehrpflicht freigestellte Männer mit einem mindestens vierjährigen Ehrenamt, bundesweit gibt es rund 13 000 dieser Freiwilligen. Ohne die Freigestellten müsse das THW künftig nach dem Vorbild der Feuerwehren auch Frauen, Ältere über 60 und Einwanderer gewinnen, hieß es.

Zweifel am neuen Bundesfreiwilligendienst hegt FSJ-Gruppenleiterin Katja Müller vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Schwerin. "Wie viele Bewerber werden sich noch melden, wenn der Dienst nicht mehr Pflicht ist?", fragte sie. Der Bedarf indes sei da. "Wir brauchen die Helfer dringend." Derzeit sind beim DRK im Land 200 FSJ-ler tätig, hingegen kaum noch Zivildienstleistende.

Ähnlich die Situation beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB): "Wir haben die Plätze für Zivis seit Jahren schon kontinuierlich zurückgefahren", sagte Landesgeschäftsführer Thomas Starigk. 2011 setze nur den Endpunkt unter das Auslaufmodell Zivildienst. Ersatz seien etwa Pflegehelfer oder auch geringfügig Beschäftigte. Zugleich wurde der Fahrdienst zurückgefahren, denn hier fehlten die Zivildienstleistenden tatsächlich, sagte der ASB-Chef.

Als "Sparmodell für den Bund" kritisierte hingegen Klaus Peters, Zivildienst-Beauftragter beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, die Reform. Bisher waren im Verband landesweit mehr als 500 Zivis jedes Jahr tätig, Tendenz stark fallend. Insofern müssten sich jetzt in erster Linie die Träger von Freiwilligendiensten - ob FSJ oder Bundesdienst - rasch um- und auf die neue Situation einstellen, so Peters.

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