Nestlé-Fabrik bringt Handelsaktivisten auf

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26. Mai 2013, 08:01 Uhr

Schwerin | Kaffeegenuss mit Beigeschmack: Unmittelbar vor der Grundsteinlegung für das millionenteure neue Kaffeewerk in Schwerin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag formiert sich Widerstand gegen den Lebensmittelkonzern Nestlé. Nach der Bewerbung Schwerins um den Titel Fairtrade-Stadt sieht die außerparlamentarische Opposition keinen Platz für den Lebensmittelkonzern in der Landeshauptstadt. Fairtrade-Aktivisten werfen dem Unternehmen vor, sein Geschäft auf unwürdigen Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt aufzubauen und damit der Bewerbung Schwerins als Fairtrade-Stadt entgegenzuwirken. Es sei enttäuschend, wenn sich ein Global Player wie Nestlé so wenig für den fairen Handel in der Welt engagiere, kritisierte Ralf Göttlicher, Vorstand im Weltladen der Aktionsgruppe Eine Welt e.V. in Schwerin. Das Unternehmen biete derzeit nur ein Fairtrade-Produkt an. Andere Hersteller seien weiter. Mit dem Fairtrade-Siegel wird den Erzeugern in Entwicklungsländern ein Mindestpreis garantiert, der über dem Weltmarktpreis liegt.

Inzwischen haben Kritiker im sozialen Netzwerk Facebook die Initiative "Fairtrade Stadt Schwerin gegen Nestlé" gestartet. "Nestlé und Fairtrade passen genausowenig zusammen wie Steuergerechtigkeit und Ulli Höneß", heißt es da unter anderem. Die Bewerbung und Nestlé, das sei unglaubwürdig, erklärte Christian Kothe von der Projektwerkstatt Buntes Q in Schwerin. Der Konzern sei "kritiklos" in die Stadt geholt worden, ohne zuvor über den Konzern aufzuklären. "Jegliche Kritik an Nestlé wird weggewischt", meinte Kothe. Kritik auch bei Umwelt- und Verbraucherschützern: Berechnungen zufolge belasten die künftig in Schwerin produzierten Kapseln je Tasse Kaffee die Umwelt zusätzlich mit 2 bis 3 Gramm Müll - eine deutlich höhere Menge im Vergleich zu anderen Systemen. Kapseln seien teuer und absolut unökologisch, heißt es bei der Verbraucherzen trale Nordrhein-Westfalen.

Der Bau der Kaffee-Fabrik in Schwerin ist eine der größten Investitionen in MV: Für 220 Millionen Euro stellt Nestlé ein Werk mit 450 neuen Arbeitsplätzen auf, das ab 2014 jährlich zwei Milliarden Kaffee-Kapseln produzieren soll. Das Unternehmen hatte zugesagt, in Schwerin Tariflöhne zahlen zu wollen.

Nestlé wies die Kritik zurück: Auch für das Werk Schwerin und den dort verarbeiteten Kaffee sollen klare Nachhaltigkeitsstandards gelten, kündigte Konzern-Nachhaltigkeitsexperte Achim Drewes an. Er forderte die Kritiker zu einem offenen Meinungsaustausch auf: "Wir suchen den Dialog." Nestlé arbeite nach einem Zertifizierungssystem, das den Kaffeeanbauern Sozialstandards sichere. Der sogenannte 4C-Standard solle bis 2015 für den gesamten Kaffeebedarf des Konzerns in Deutschland gelten, so Drewes. Das Unternehmen unterstütze zudem die Anbauer bei der Weiterbildung und helfe ihnen mit 1000 Agrarberatern.

Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) verteidigte die Ansiedlung. 220 Millionen Euro Investitionen, 450 gewerbliche Arbeitsplätze - darüber könne man sich "uneingeschränkt freuen". Die Stadt habe sich "ohne Vorbehalte" für die Ansiedlung eingesetzt". Gramkow: "Es versteht sich von selbst, dass Nestlé auch eingeladen ist, unsere Fairtrade-Kampagne zu unterstützen."

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