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Demenzkranker Schweriner muss keine 20 Euro bezahlen : Nahverkehr verzichtet auf Bußgeld

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Der Schweriner Nahverkehr hat auf die Berichterstattung in unse rer Zeitung reagiert: Der demenzkranke Schweriner, der 20 Euro bezahlen sollte, weil er vergessen hatte, seinen Fahrschein abzustempeln, wird nicht belangt.

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erstellt am 01.Aug.2013 | 07:05 Uhr

Schwerin | Der Schweriner Nahverkehr hat auf die Berichterstattung in unse rer Zeitung reagiert: Der demenzkranke Schweriner, der 20 Euro bezahlen sollte, weil er vergessen hatte, seinen Fahrschein abzustempeln, wird nicht belangt. "Wir haben die Angelegenheit noch einmal geprüft und verzichten auf ein Bußgeld", sagte gestern Nahverkehrs-Chef Norbert Klatt. Zugleich kündig te er an, dass künftig Demenzkranke, die ohne gültiges Ticket in Busse n und Bahnen angetroffen würden, nicht zur Kasse gebeten werden, wenn sie ein aktuell es ärztliches Attest vorlegen könnten.

Weil er auf dem Rückweg von der Ergothe rapie bei einer Kontrolle keinen entwerteten Fahrschein vorweisen konnte, war der demenzkranke Schweriner im betreffenden Fall zunächst aufgefo rdert worden, nach den allgemeinen Beförderungs bedingungen ein Bußgeld in Höhe von 40 Euro zu be zahlen. Schriftlich legte seine Ehefrau Widers pruch gegen diese Entscheidung ein und fügte dem Schreiben eine Kopie der Demenz-Diagn ose bei. Das Bußgeld wurde darauf hin auf 20 Euro reduziert, aber nicht erlassen. "Ich finde es schlimm, dass es keine behinder tengerechte Lösung gibt", beklagte die Ehefrau. Nachdrücklich forderte sie die Verantwortlichen auf, die Rege lu ng zu überdenken und eine "bessere Lösung für an Demenz erkrankte Menschen zu finden".

Lothar Matzkeit, Abteilungsleiter beim Schweriner Nahverkehr, hatte gegenüb er SVZ den Vorfall bestätigt, aber auch um Verständnis gebeten. Dass der Schweriner an Demenz erkrankt sei, hätten die Kontrolleure nicht er kennen können. Nach dem Widerspruch habe das vom Nahverkehr mit der Ticke t-Kontrolle beauftragte Unter nehmen formal korrekt gehandelt, betonte Matzkeit. "Das Bußgeld wurde um die Hälfte reduzi ert und auf die eigentlich fällige Strafanzeige für das Schwarzfahren verzichtet." So sehe es ein entsprechender Kulanz-Katalog vor. In einer ersten Reaktion hatte Bernadett Schimanek vom Zentrum Demenz in Schwerin die Haltung des Nahverkehrs kritisiert. Das verhängte Bußgeld hätte komplett erlassen wer den müssen, so die Expertin. Dass der demenzkranke Schweriner sein Ticket nicht abgestempelt habe, sei eindeutig auf seine Erkrankung zurückzuführen.

Tatsächlich löste der Bericht in un serer Zeitung eine gesellschaftliche Deba tte und eine öffentliche Empörung bis weit hinein in die Stadtpolitik aus. "Die SPD-Grüne-Stadtfraktion nimmt die Verfolgung des demenzkranken NVS-Fahrgastes durch das städtische Verkehrsunternehmen mit Befremden zur Kenntnis und fordert die NVS-Geschäftsführung auf, die ,Schwarzfahrt des kranken Mannes zu prüfen und auf die Zahlung eine Geldbuße zu verzichten", erklärte der Vorsitzende der SPD-Grünen-Stadtfraktion, Daniel Meslien, der auch im Aufsichtsrat des Nahverkehrs sitzt. "Bei allem Verständnis für die Bekämpfung des Schwarzfahrens in den Bussen und Bahnen unseres städ tischen Verkehrsunternehmen, das aus dem hoch verschuldeten Stadthaushalt erhebliche Zuschüsse erhält, ist man mit dem Bußgeld gegen den nachweislich demenzkranken Mann über das Ziel hinausgeschossen", so Meslien.

Auch SVZ-Leser äußerten ihr Unverständnis über die Herangehensweise des Nahverkehrs: "Demenz ist eine schnell wachsende Volkskrankheit und kann einen jeden von uns treffen", schreibt Ute Moldenhauer in einem Brief an unsere Redaktion. "Spätestens nach dem Einspruch hätte man eine kulan tere Lösun g als die aus dem Katalog finden können", postet René Ertel in eine m Beitrag auf unserer Facebook-Seite. Dort finden sich auch noch eine Reihe weiterer Kommentare, die in diese lbe Richtung gehen: "Erschreckend, wie man in Schwerin mit schwache n und kör perlich eingeschränkten Mitmenschen umgeht", meint Christian aus Schwerin. "Unmöglich! Peinlich! Geldgierige Geier!", urteilt noch drastischer Andreas Niess. "Beschäftigt Euch doch erst mal mit dem Thema, bevor Ihr einen Demenzkranken, der sowieso schon arm dran ist, für etwas bestraft, für das er nichts kann", mahnt Anne Schrank.

SVZ-Leser Chris Meyer dagegen stellt sich auf Facebook hinter den Nahver kehr: "Das erhöhte Beförderungsentgelt wurde schon ermäßigt." Au ßerdem sei der Schweriner "trotz Krankheit in der Pflicht, einen gültigen Fahrausweis zu haben". Warum der Mann keinen Begleiter gehabt habe, möchte Michael Buchholz wissen. Auch Silvia Meyer spricht die Frage der Betreuung an: Es liege in der Verant wortung der Angehörigen, den Demenzkranken nicht alleine fahren zu lassen.

So appelliert denn auch Nahverkehrs-Chef Norbert Klatt an die Rolle der Angeh örigen von Demenzkranken. Sie müssten genau abwägen, ob ein erkrankter Verwandter noch ohne Begleitung eine Fahrt mit dem Bus oder der Straßenbahn unternehmen könne. An dieser grundsätzlichen Verantwortung ändere auch die neue Regelung des Nahver kehrs nichts.

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