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Telefonseelsorge Schwerin : Nach Terror-Anschlag: Die Angst hat viele Gesichter

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach dem Anschlag in Berlin liefen bei der Schweriner Telefonseelsorge auch Anrufe von Rettungskräften und trauernden Angehörigen auf

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2017 | 16:00 Uhr

„Angst – die Menschen haben Angst. Und diese Angst hat viele Gesichter“, sagt die Leiterin der Schweriner Telefonseelsorge, Uta Krause. Der Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin habe das Land verändert, nicht still gestanden habe das Telefon nach dem Attentat. „Wir hatten zeitweilig sogar eine weitere Leitung geschaltet“, berichtet Krause. Aufgelaufen seien in Schwerin auch Anrufe aus Berlin und Brandenburg – von Rettern am Ende ihrer Kräfte und trauernden Angehörigen.

„Nach dem Anschlag in der Hauptstadt ist die Verunsicherung größer geworden. Das spüren wir sehr deutlich“, sagt Krause. Das Vertrauen in den Sicherheitsapparat sei erschüttert worden. „Viele Menschen, die sich bei uns melden, fühlen sich hilflos und ausgeliefert“, so die Leiterin. Erinnerungen an Erlebtes und Verdrängtes, an eigene Erfahrungen mit Krieg und Gewalt würden wach. „In einigen Fällen verbinden Anrufer die Angst vor einem weiteren Attentat, das Gefühl der Bedrohung mit ihrer bereits schwierigen Lebenssituation“, so Krause. Freilich gäbe es auch diese Seite: Anrufer ließen Dampf ab, schildert die Leiterin
der Telefonseelsorge. Aufgebrachte Menschen am anderen Ende der Leitung schleuderten den Mitarbeitern des Hilfsangebotes rechte Parolen entgegen, ereiferten sich allgemein über Flüchtlinge. „Unsere Mitarbeiter fragen diese Leute dann, wovor sie sich genau fürchten – und erhalten zumeist keine Antwort“, so Krause.

21 458 Gespräche haben die Mitarbeiter der Schweriner Telefonseelsorge im vergangenen Jahr insgesamt entgegengenommen. Immer wieder begegnen sie dabei den gleichen Themen: Einsamkeit, familiäre Probleme, Arbeitslosigkeit oder auch Stress im Job. „Es sind Menschen, die mit dem Alltag nicht zurechtkommen, die einen Gesprächspartner suchen und deshalb bei uns anrufen“, erklärt die Leiterin der Telefonseelsorge. Dabei würden die Mitarbeiter oft durchaus mit extremen Lebenslagen konfrontiert, äußerten einige Anrufer etwa auch Suizidabsichten.

Zu Weihnachten und an den Tagen danach sei die Telefonseelsorge regelmäßig besonders gefragt, schildert Krause. „Das Thema Einsamkeit spielt dann eine besondere Rolle. Außerdem ziehen viele Menschen zwischen den Jahren offenbar gerne eine Lebensbilanz, brauchen dann jemanden, der ihnen zuhört.“

Zuzuhören, zu trösten, den Blickwinkel der Anrufer vielleicht ein bisschen zu verändern, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen – darin sähen die Telefonseelsorger ihre Aufgabe, erklärt die Leiterin. Eine Hilfe, die auch die Anrufern unmittelbar nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin dankbar in Anspruch genommen hätten.

88 Ehrenamtliche sorgen aktuell dafür, dass die Telefonseelsorge, getragen von den Kirchen, der Diakonie und der Caritas, unter den Nummern 0800/ 1110111 und 0800/1110222 erreichbar ist – rund um die Uhr.

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