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Migranten in Schwerin : Mutters Sprache als Fremdsprache

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kinder aus russischsprachigen Familien beginnen in Schwerin, Russisch zu lernen – und der Verein Wissen hilft ihnen dabei

von
erstellt am 25.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Sie denken in Deutsch und sprechen es akzentfrei: Kinder aus russischsprachigen Familien, die in Schwerin leben. Sie sind in Deutschland geboren und von der Geburt an haben sie nur die deutsche Sprache gehört. Sie leben in einer deutschen Umgebung.

„Nur zu Hause mit ihren Eltern und Großeltern können sie Russisch sprechen. Dort entdecken diese Kinder ihre Mutter-Sprache neu“, sagt Eleonora Meyerzon. Sie unterrichtet seit zwei Jahren im Verein „Wissen“ Russisch für Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren.

„Russisch für Kinder – diesen Kurs haben wir immer im Angebot. Wenn jemand kommt und den Wunsch hat, Russisch zu lernen, bieten wir drei- bis viermal wöchentlich Unterrichtsstunden an“, erklärt Vladislav Perwoskin, Vorsitzender des Vereins. „Das ist nicht nur reiner Sprachunterricht, sondern auch beim Malen oder Basteln versuchen wir, mit den Kindern Russisch zu sprechen, damit sie ihre ursprüngliche Muttersprache nicht vergessen. Dank unserer guten Bibliothek können wir auch verschiedene russische Bücher zum Lesen anbieten“, ergänzt Lora Perewoskin.

„Sehr oft merke ich, dass die Kinder bestimmte Worte nicht auf Russisch verstehen, obwohl sie die auf Deutsch perfekt können. Da muss ich manchmal erklären, was Stuhl oder Tisch bedeutet“, sagt Eleonora Meyerzon.

Aber müssen diese Kinder überhaupt Russisch lernen? Da sie in Deutschland leben, könnten sie doch auch ohne diese Sprache aufwachsen. Tetyana Sidykh gibt die Antwort: „Ich wartete lange auf Enkel. Jetzt wollte ich diese Zeit mit meiner Emily genießen. Ich habe viele Bücher gelesen, viele Sachen erlebt, ich möchte gern das alles mit Emily teilen, aber wenn sie nicht Russisch versteht, wie kann ich das verständlich machen?“ Emily verstand und sprach zwar Russisch, aber sie konnte es nicht lesen und schreiben. Tetyana Sidykh versuchte zunächst selbst, Emily zu unterrichten. Aber die eigene Großmutter war als Lehrerin nicht geeignet. Doch sie hatte vom Verein „Wissen“ gehört und brachte Emily zum Unterricht. Das Mädchen besucht nun schon seit eineinhalb Jahren den Kurs „Russisch für Kinder“.

Emily ist sieben Jahre alt und lernt in der Montessori Schule. Sie spricht Deutsch, lernt in der Schule Englisch, später kann sie noch eine zweite Fremdsprache auswählen. „Es wäre nicht schlecht, wenn sie noch Russisch könnte. Ich möchte sehr gern, dass meine Enkel nicht nur Goethe und Schiller lesen können, sondern auch Puschkin und Tolstoi im Original“, betont Tetyana Sidykh und fügt hinzu: „Ich bin glücklich, dass wir in Deutschland leben. Für uns ist Deutsch die zweite Muttersprache. Und ich bedanke mich für die Möglichkeit, dass meine Enkelin in Schwerin Russisch lernen kann.“




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