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Festspiele Mecklenburg-Vorpommern : Musik - von Natur und Film angeregt

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Beim Carnegie Hall Projekt der Festspiele MV gab es am Donnerstag eine Aufführung, die sich der Filmmusik widmete. So wurde unter anderem eine Suite auf Grundlage der Musik aus "Der Vorleser" aufgeführt.

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erstellt am 21.Jun.2013 | 08:16 Uhr

Schwerin | Die meisten Menschen sind "Augenmenschen". Sie nehmen ihre Umwelt mit dem Gesichtssinn intensiver und nachdrücklicher wahr als mit dem Gehör. Sehen sie einen Film an, prägen sich die Bilder tiefer ins Gedächtnis ein als die Musik dazu. Dennoch gelangt Filmmusik gelegentlich bis in den Konzertsaal, um dort befreit von allen Bildern nur mit den Ohren genossen zu werden.

Auch beim Carnegie Hall Projekt der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern am Donnerstagabend in der Schweriner Schelfkirche gab es eine solche Aufführung. Der amerikanische Komponist Nico Muhly (*1981) hat Teile seiner Musik zu dem Film "Der Vorleser" nach dem Roman von Bernhard Schlink zu einer Suite für Kammerensemble verarbeitet.

Eine Gruppe junger Musiker, Absolventen von Carnegie Hall, Juilliard School und Weill Music Institute New York, führte die vierteilige Suite auf. Elegische Stücke, musikalische Stimmungsbeschreibungen ohne eigene Entwicklungen, losgelöst von szenischen Vorgängen, zu denen sie ursprünglich geschaffen wurden. Ihre fein strukturierten Klänge nahmen die Zuhörer gefangen, und wer den Film kannte, dem stiegen in der Erinnerung einzelne Bilder wieder vor das innere Auge.

Wie ein Gegenstück dazu stellten sich "Zwei Insektenstücke für Oboe und Klavier" von Benjamin Britten aus dem Jahr 1935 dar. Der Oboist James Austin Smith und Jonathan Gilad am Flügel spielten "Grashüpfer" und "Wespe" mit herrlich zugespitztem Ausdruck. Doch nicht nur der bildhaft instrumentale Klang ließ die Insekten durch die Kirche hüpfen oder summen. Man sah sie den Musikern förmlich an: dem Oboisten mit den langen, abgeknickten Grashüpferbeinen und den weit aufgerissenen Augen, und dem mit Wespenbuckel vorgebeugten Pianisten, die Lippen wie zum saugenden Blutmahl gespitzt. Eine köstliche Übereinstimmung von Gestik und Klang auch ohne Filmbild.

Neben dem Solistenpreisträger der Festspiele Jonathan Gilad bereicherten noch die beiden Preisträger Josephine Knight und Daniel Hope das Ensemble. Die beiden Streicher spielten gemeinsam das Duo für Violine und Cello von Erwin Schulhoff, das verschiedene Möglichkeiten des Mit- und Gegeneinander der beiden Instrumente vorstellt und dabei die virtuosen Spielfertigkeiten der Musiker enorm herausfordert.

Daniel Hopes Violinpart hatte in der Zingaresca, einem Zigeunertanz, die Qualitäten einer Paganini-Caprice.

Ungeachtet dieses virtuosen Anspruchs spürte man die Innigkeit des Zusammenspiels der beiden Duopartner, die seit vielen Jahren regelmäßig miteinander arbeiten. Der gestische Zug, der aufeinander abgestimmte Klang, der aus gemeinsamer Empfindung sich entwickelnde Ausdruck formten eine fesselnde Aufführung.

Abgerundet wurde das Programm durch die charaktervollen Sätze der Serenade für Streichtrio von Ernst von Dohnányi, aus dem als Zugabe das rasante Scherzo sogleich wiederholt werden musste.

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